Schriftzug der HfG Ulm, Menschen sitzen darüber auf dem Dach

Von der Gestaltung zum Design

Die Bedeutung von Wahrnehmung

Gestaltung ist ein Begriff, um den uns die designtheoretische Szene auf der ganzen Welt beneidet. Nun gut, kein Anlass, sich etwas drauf einzubilden. Und davon abgesehen ist diese Szene recht überschaubar. Aber es ist doch immerhin ein bemerkenswertes Signal, denn es macht uns auf die Bedeutungsnuancen aufmerksam, die „Design“ und „Gestaltung“ unterscheiden.

Mit dem Begriff „Gestalt“ sollte, als er in die deutsche Sprache eingeführt wurde, eine unteilbare Ganzheit der Erscheinung zum Ausdruck gebracht werden. Die zugrunde liegende Theorie geht davon aus, dass die menschliche Wahrnehmung immer die Zusammenhänge der Phänomene berücksichtigt. Im Gegensatz dazu ist der Intellekt fähig, einzelne Elemente des Wahrgenommenen zu isolieren. Aber bei dieser mentalen Verarbeitung handelt es sich um einen nachgelagerten Prozess.

Anders gesagt: Weil die Teilelemente eines Objektes zueinander in Beziehung stehen, beeinflussen sie die Wahrnehmung des Objektes als Ganzes. Die berühmte und oft falsch zitierte Formel lautet: Das Ganze ist etwas anderes als die Summe seiner Teile.

Das bedeutet einerseits: Dieselbe Krawatte entfaltet bei unterschiedlichen Kombinationen (z.B. Hemd, Anzug, Schuhe) und in unterschiedlichen Situationen eine andere Wirkung. Und andererseits nehmen wir z.B. den Anzugträger nicht als die Summe einzelner Kleidungsstücke plus Körper wahr, sondern in seiner gesamten Erscheinung innerhalb des räumlichen, zeitlichen und gesellschaftlichen Anlasses.

Das Wesentliche der Kunst

Mit dieser Gestalttheorie ist das Konzept des Gesamtkunstwerks eng verwandt: Bei der Kunst sollte es nicht damit getan sein, dass nur das Werk allein vollendet ist, sondern alle damit in Verbindung und Berührung stehenden Aspekte sollten ebenfalls so „gestaltet“ werden, dass die Einheit mit allen Sinnen erlebbar wird. Diese Synthese, so die Überzeugung, steigert nicht nur die Wirkung des Werks, sie bringt auch erst das Wesentliche der Kunst hervor. Die Absicht, die z.B. mit dem Schaffen eines Gemäldes verbunden ist, soll sich demnach erst dadurch vollständig entfalten, dass auch der Rahmen ihm entspricht, und darüber hinaus auch die Wand, an der das Bild präsentiert wird, die Art der Hängung, der Ausstellungsraum im Museum, sogar das gesamte Gebäude, das Poster zur Ausstellung und die Eröffnungsfeier inklusive Musik und Catering. Der Wirkungskreis eines Gesamtkunstwerks ist tendenziell unendlich.

Walter Gropius knüpfte mit seiner Konzeption des Bauhauses an die Sehnsucht vieler Menschen nach dem „unteilbaren Ganzen [an], das im Menschen selbst verankert ist und erst durch das lebendige Leben Sinn und Bedeutung gewinnt“. So formuliert Gropius es in seinem programmatischen Text Idee und Aufbau des Bauhaus von 1923.

Was am Bauhaus entstehen sollte, war also gerade keine Bearbeitung vereinzelter, aus ihrem Zusammenhang herausgerissener Elemente. Sondern es ging ihm um die Integration aller Künste, woraus eine neue Einheit für die neue, moderne Zeit entstehen sollte. Zusätzlich strebte Gropius auch – nicht von Anfang an, aber spätestens mit dem Engagement László Moholy-Nagys – die Integration der Industrie an. Dem Bauhaus Dessau verlieh er den Untertitel: „Hochschule für Gestaltung“, womit ein zentraler Ausgangspunkt seines Konzepts auf den Punkt gebracht war.

Industrial Design

Ein wenig kompliziert und reichlich missverständlich wird es nach dem Zweiten Weltkrieg. Der holländische Architekt Mart Stam, der den legendären Freischwinger-Stuhl mit einer Stahlrohr-Konstruktion entwickelt und auch am Bauhaus unterrichtet hatte, wurde im Dezember 1948 als Rektor der Akademie der Künste und der Hochschule für Werkkunst in Dresden berufen.

In seiner Antrittsrede sprach Mart Stam vom „Industrial Designer“ als Übersetzung für „Entwerfer für die Industrie“. (Weil diese Rede veröffentlicht wurde, handelt es sich dabei – nach aktuellem Stand der Forschung – um den ersten schriftlichen Beleg für die Verwendung des Wortes „Design“ in der deutschen Sprache.)

Mart Stam bemühte sich also um eine wörtliche Übersetzung. Bei diesem Versuch blieb allerdings eine charakteristische Nuance auf der Strecke: Nämlich genau der holistische Anspruch, wofür „Gestaltung“ der kennzeichnende Begriff war.

Modische Verformungen und effekthascherische Verhübschungen

Nach nur zwei Jahren übernahm Stam 1950 das Amt des Direktors der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee. Bis zu seiner Entlassung 1952 verwendete er dort die Begriffe „Industriegestalter“ und „industrielle Gestaltung“.

Die HfG Ulm hätte auch „Bauhaus Ulm“ genannt werden dürfen. Walter Gropius erteilte dem Gründungsdirektor Max Bill dafür 1952 die Erlaubnis. Otl Aicher jedoch lehnte diesen Gedanken ab. Sie einigten sich auf den Untertitel des Bauhauses: „Hochschule für Gestaltung“. Sie war vom Start weg durch und durch international, nicht nur, weil das ausschlaggebende Geld aus den USA floss. Schon in den Gründungsverhandlungen wurde „Gestaltung“ durchgängig mit „Design“ übersetzt.

Von hier aus verbreitete sich der Begriff in der deutschen Gesellschaft, parallel zum wachsenden Interesse an den dadurch benannten Ideen und Tätigkeiten. Doch der rasche Erfolg brachte auch genau das Gegenteil dessen hervor, was „Gestaltung“ bzw. „Design“ beabsichtigte: Modische Verformungen und effekthascherische Verhübschungen der Oberfläche zum Zwecke kurzfristiger Absatzsteigerung. An der HfG distanzierte man sich rasch vom schicken Begriff „Design“ und bevorzugte bald wieder die neutralere „Gestaltung“.

Und weil „Design“ seit den 1980er Jahren einigen ambitionierten Friseuren als attraktive Verpackung erscheint, bezeichnen sich viele Designer in Deutschland längst wieder als Gestalter.

Friseursalon mit dem Titel Hairdesign
Design ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, Foto: René Spitz
  1. Schriftzug der HfG Ulm, Foto: Ulrich Rothfuss

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