Tandem-Führung

Kunst vermitteln im Tandem

Gemeinsam durch „Touchdown“

„Die Tandem-Führungen haben mir sehr viel Spaß gemacht! Aber jetzt muss ich ein bisschen weinen, weil es vorbei ist!“ sagte meine Kollegin Anna-Lisa Plettenberg nach unserer letzten gemeinsamen Führung am 12. März 2017 – und dann fielen wir uns lachend in die Arme.

Die Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit dem Forschungsprojekt TOUCHDOWN 21 entstand, war ein Erfolg, der in diesem Ausmaß nicht zu erwarten war. Das Interesse des Publikums an den Tandem-Führungen war so groß, dass sie fast immer ausverkauft waren. Nur zu verständlich, denn diese Führungen waren einzigartig. Auch für mich, obwohl ich als Kunstvermittlerin mehr als 10 Jahre Erfahrung mit unterschiedlichsten Gruppen mit und ohne Einschränkungen sammeln konnte.

Inklusion ist in der Bundeskunsthalle im Sinne der kulturellen Teilhabe ein eigener Bereich in der Vermittlungsarbeit. Aber Tandem-Führungen mit Menschen mit Down-Syndrom? Das war etwas völlig Neues. Zur Vorbereitung auf die Führungen wurden deshalb zwei Coachings für die Kunstvermittler*innen mit und ohne Down-Syndrom durchgeführt: Einerseits wurde das Konzept der Ausstellung vorgestellt, andererseits beschäftigte man sich gemeinsam mit dem Ablauf der Tandem-Führungen – und vor allem hatte man die Gelegenheit, sich persönlich kennenzulernen. Außerdem konnte man an einer der regelmäßig stattfindenden Sitzungen der Ohrenkuss-Redaktion teilnehmen. Viele Ohrenkuss-Mitglieder waren in der Ausstellung vertreten, so dass sich die gemeinsame Arbeit intensiv vorbereiten ließ.

Expert*innen in eigener Sache

Neun „Expert*innen in eigener Sache“ erklärten sich bereit, im Tandem durch die Ausstellung zu führen. Zu diesem Zweck konzipierten sie insgesamt 23 Karten, und von diesen konnte jede*r für die eigene Führung ca. zehn Lieblingsexponate auswählen. Sehr beliebt waren die Familienbilder von John Langdon Down oder der Chromosomen-Teppich von Jeanne-Marie Mohn. Die individuelle Auswahl wurde immer kurz vor der Führung gemeinsam besprochen. Besonders wichtig waren im Vorfeld jeweils zwei Fragen an die Kunstvermittler*innen mit Down Syndrom: Zum einen, ob wir im gemeinsamen Rundgang über das problematische Thema des Euthanasiegedankens der Nationalsozialisten sprechen wollen, zum anderen, ob wir das aktuelle Thema Pränatal-Diagnostik und Schwangerschaftsabbruch zum Gegenstand haben werden. Die Mehrheit meiner Partner*innen war damit einverstanden diese Punkte zu behandeln, aber meistens sollte nur ich reden, sie selbst wollten lieber nichts dazu sagen. Einmal sprach mich kurz vor dem Raum zur Zeit des Nationalsozialismus mein Kollege Julian Göpel ganz energisch an: „Wir können da heute nicht reingehen! Da ist ein kleines Kind mit in der Gruppe! Das ist nix für Kinder!“ Sehr aufmerksam, mein Kollege.

So gestaltete sich schon aufgrund des Ablaufs jede Führung neu, aber natürlich auch, weil jede*r meiner Partner*innen individuell und etwas Besonderes war. Einige konzentrierten sich mehr auf ihren Text, andere sprachen gern frei und erzählten aus ihrem Leben. Ich bin oft überrascht worden, und immer wieder war ich sehr gerührt. Andrea Halder, die für ein paar Tage extra aus Nürnberg anreiste, sagte nach unserer Führung zu mir: „Mich hat die Geschichte von Arthur Miller sehr beeindruckt, das wusste ich vorher nicht.“ Eine Reihe Aquarelle der Künstlerin Gabriele Lutterbeck zeigte unter anderem Arthur Miller: Er hatte einen Sohn mit Down-Syndrom ins Heim gegeben und sich nie wieder um ihn gekümmert.

Neue Erfahrungen im Tandem sammeln

Die meisten Tandem-Führungen habe ich mit Anna-Lisa Plettenberg gemacht, die in der Ausstellung auch im Videosteckbrief zu sehen war, bei dem es darum ging, angestarrt zu werden. Auf meine Frage, welches Thema ihr in der Ausstellung besonders wichtig war, antwortete sie: „Das Thema ‚Anglotzen’, weil das im Alltag manchmal Thema ist. Schön, dass da der Videosteckbrief war.“ Besonders positiv ist ihr in Erinnerung geblieben, dass sie als Expertin ernst genommen wurde.

Diese Führungen waren wirklich einzigartig. Immer wieder erfrischend, überraschend und vor allem eine wunderbare Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Diese direkte Zusammenarbeit hat meinen Horizont bezüglich des Umgangs mit Menschen mit verschiedenen Einschränkungen nicht nur als Kunstvermittlerin außerordentlich erweitert, auch privat war es für mich eine sehr gewinnbringende Erfahrung.

Herzlichen Dank an meine besonderen Kolleg*innen!


Die Tandem-Führungen werden in Bremen fortgesetzt, wo TOUCHDOWN noch bis 27. August 2017 in der KulturAmbulanz Bremen zu sehen sein wird.

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  1. © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
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