Votivstele, blaues Rechteck mit Armen und Kalb auf den Schultern

Forschende Kunst

Aleksandra Domanović spricht über „Kalbträgerin“

Die Kunst von Aleksandra Domanović richtet den Blick auf verschiedenste gesellschaftliche Phänomene: Auf Kulturtechniken, wissenschaftliche und technische Entwicklungen, Geschichte und (Pop-)Kultur, oder auf die Prägung nationaler und kultureller Identität.

Für die Ausstellung Kalbträgerin in der Bundeskunsthalle entwickelt sie eines ihrer Themen, Bulls Without Horns weiter. Hier beschäftigt sie sich mit wissenschaftlichen Experimenten zur Züchtung von Rindern, denen keine Hörner wachsen. Die Künstlerin präsentiert dieses Thema anhand von Farbfotografien zweier genetisch veränderter Bullen – Spotigy und Buri – sowie mittels Skulpturen, die sie mit Hilfe des Computers modelliert, im 3D-Druckverfahren herstellt und in synthetischem Gips abformt.

Ich treffe Aleksandra Domanović während der Aufbauarbeiten im Ausstellungsraum. Sie wirkt offen und gesprächsbereit, kann ihr leichtes Unbehagen, über sich und die eigenen Werke zu sprechen, aber nie ganz verbergen. Bescheidene Künstler sind selten – dabei strotzt ihre Kunst vor Geschichten. Es sind Narrative, die es zu entschlüsseln gilt, so wie ihre ‚Votivstelen‘, die wir während unseres Rundgangs durch die Ausstellung passieren. Es sind transformierte, abstrahierte Darstellungen des griechischen Moschophoros (Kalbträger) aus dem 6. Jh. v. Chr., der im sogenannten Perserschutt 1866 gefunden wurde. Noch fehlen den Stelen die Arme und titelgebenden Kälber auf den rechteckigen Schultern, aber die Künstlerin wirkt alles andere als nervös deswegen. Die Arbeiten gehen konzentriert voran, und werden auch während unseres Gesprächs nicht unterbrochen.

Skulpturen, Fotos, Videos – deine Arbeiten sind sehr vielfältig. Genießt du diese Freiheit?

Ja, absolut. Ich wüsste nicht, warum ich mich festlegen sollte. Letztlich bestimmen die unterschiedlichen Themen, wie ich an etwas herangehe. Was ist es, das mein Interesse weckt? Und wohin führt es mich? Manchmal entsteht ein Video daraus, manchmal eine Skulptur und manchmal halt ein Bild.

Deine Arbeiten wirken wie Narrative mit vertrackten Hinweisen und subtilen Referenzen. Hast du demnach zunächst eine Idee, was du erzählen möchtest, und überlegst erst dann, wie?

Ich weiß nicht so recht, ob ich eine ganz bestimmte Arbeitsweise habe. Manchmal ist es umgekehrt und ich möchte einfach nur ein Video machen. Die Idee kommt dann später. Alles ist möglich.

So vielfältig deine Arbeitsweisen, so auch deine Themen: die Rolle der Frau (in der technologischen Entwicklung), Bio-Ökonomie, Ethische Fragen in der Genetik, Auswirkungen technologischer Fortschritte auf unsere Kommunikation und Kultur, etc. Würdest du dich selbst als forschende Künstlerin bezeichnen? Sind deine Werke zugleich Analysen?

Es fällt mir schwer, das zu beurteilen. Wenn du das so siehst, nehme ich es jedoch gerne an. Ich recherchiere sehr viel, das ist in der Tat wahr. Manch einer würde „research based practice“ sagen. Ich mag nicht, wie das klingt, aber es stimmt durchaus.

„Ich habe keine Lust mehr, über das Internet zu sprechen.“

Forschst du auch deshalb tiefergehend, um dein Interesse für ein Thema weiter anzukurbeln?

Es fällt mir definitiv leichter etwas zu schaffen, je mehr Stoff ich habe, an dem ich mich abarbeiten kann. Je mehr Informationen ich zu einem Thema habe, desto mehr Möglichkeiten habe ich, damit umzugehen.

Wie bist du auf die genmanipulierten Bullen aufmerksam geworden, denen keine Hörner wachsen? Und was war der Impuls für dich, dieses Thema aufzugreifen?

Ich habe zwei Wissenschaftlerinnen verfolgt, die mit dem Genome-Editing-Tool CRISPR arbeiten. Eine der beiden, Jennifer A. Doudna von der Berkeley Universität in Kalifornien, sollte auf einem Panel in New York sprechen in der Zeit, als auch ich vor Ort war. Ich bin also dorthin, und jemand aus dem Publikum fragte nach der Möglichkeit, Bullen ohne Hörner zu züchten. Doudna reagierte ganz cool und abgeklärt, dass es das längst gäbe.

Hast du sie daraufhin kontaktiert, um mehr darüber zu erfahren?

Nein, ich war viel zu schüchtern. Aber eine Freundin von mir hat sie um ein Autogramm gebeten. (lacht) Ich habe dann später herausgefunden, wer diese Bullen ohne Hörner züchtet bzw. damit experimentiert. Diese Tiergenetikerin, Alison Van Eenennaam, habe ich dann letztlich kontaktiert und so ist Bulls Without Horns entstanden.

Du hast einmal gesagt: „Ohne das Internet wäre ich keine Künstlerin geworden.“ Kannst du das erläutern?

Inzwischen würde ich das so nicht mehr sagen.

Warum?

Vor allem, weil ich keine Lust mehr habe, über das Internet zu sprechen. (lacht)

Ein anderes Thema – vielleicht auch ein alter Hut für dich – ist Heimat. Ein vager Begriff…

Für mich als geborene Jugoslawin allemal. Es gab definitiv eine Phase, in der ich sehr intensiv mit diesem Thema gearbeitet habe. Jetzt ist es nicht mehr so präsent, aber ganz los lässt es einen auch nicht. Ich kann mir gut vorstellen, in Zukunft wieder damit umzugehen, das Thema noch einmal aufzugreifen.

Woran arbeitest du derzeit noch?

Bulls Without Horns beschäftigt mich schon seit einem Jahr, was wiederum zeigt, wie sehr mich meine Forschungen zu einem Thema einnehmen können. Als nächstes arbeite ich an einem Video, da eines der beiden Tiere, Buri, gleich sechs Kühe befruchtet hat, die alle im September kalben werden. Spotigy wurde hingegen geschlachtet. Wenn alles, was wir glauben über Genetik zu wissen, stimmt, müssten diese Kälber ohne Hörner zur Welt kommen. Ich werde die Geburten filmen und damit das Projekt vorerst abschließen. Meine Arbeiten sind jedoch fließend, gehen beinahe nahtlos ineinander über. Manche Projekte greife ich später wieder auf und führe sie in neuem Kontext fort. So ganz ist das Ende der Bullen also nicht abzusehen.


ALEKSANDRA DOMANOVIĆ
KALBTRÄGERIN
2. Juni bis 24. September 2017

Portrait von Aleksandra Domanović,
Aleksandra Domanović
Votivstele, blaues Rechteck mit Armen und Kalb auf den Schultern
Kalbträgerin
  1. Aleksandra Domanović, Kalbträgerin, 2017, Courtesy die Künstlerin und Tanya Leighton, Berlin © Foto: die Künstlerin
  2. Aleksandra Domanović, 2017 © Foto: Natascha Goldenberg, Courtesy die Künstlerin und Tanya Leighton, Berlin
  3. Aleksandra Domanović, Kalbträgerin, 2017, Courtesy die Künstlerin und Tanya Leighton, Berlin © Foto: die Künstlerin

Ein Kommentar zu "Forschende Kunst"

  1. Das mit den Kälbern/Kühen ohne Hörner, sieht die Künstlerin das kritisch, negativ?
    Geht es Ihr darum, dass Tiere auch bloß Natur sind?
    Vermutlich ja, sonst würde Sie sich damit nicht beschäftigen, mit Genmanipulation.
    Sehen Sie sich die Stierkämpfe in Spanien an. Die Menschen da verletzen sich ja auch dabei.
    Das ist eben deren Kultur.

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