Alexander Braun posiert mit einem Pappaufsteller eines Zeitungsjungen

Phänomen Comic (Part II)

Alexander Braun erklärt die Faszination der „neunten Kunst“

Mit rund 300 Exponaten aus Amerika, Europa und Japan ist Comics! Mangas! Graphic Novels! die bisher umfangreichste Ausstellung zur Geschichte dieser Gattung in Deutschland und noch bis zum 10. September 2017 in der Bundeskunsthalle zu sehen.
Im zweiten Teil des großen Interviews erläutert Kurator Alexander Braun, warum Comics auf der ganzen Welt leidenschaftlich gelesen werden, sie es aber ausgerechnet in Deutschland so schwer haben. Außerdem wirft er einen Blick auf den japanischen Markt, wo der Manga so selbstverständlich gelesen wird wie die Tageszeitung, und er verrät, was von den vielen Kinoadaptionen beliebter Comic-Superhelden zu halten ist.

Warum hat es der Comic ausgerechnet in Deutschland so schwer?

Eigentlich haben wir eine tolle Tradition in Deutschland mit Wilhelm Busch oder Rodolphe Töpffer in der französischsprachigen Schweiz, die schon früh Dinge gemacht haben, die auf den Comic hinauslaufen. Dass Comics in Deutschland so einen schlechten Ruf haben im Vergleich zu den europäischen Nachbarländern, hat viel mit unserer spezifischen Geschichte im 20. Jahrhundert zu tun. Die Europäer taten sich zunächst grundsätzlich schwer mit dem Comic, weil er eine rein amerikanische Erfindung war. Wir Europäer pflegten den Chauvinismus, dass aus Amerika keine neuen, wichtigen Kunstformen kommen könnten. Amerika hatte die Moden Europas nachzuahmen, so wie man es über die Jahrhunderte zu tun pflegte. Dabei sollte es bleiben. Die ersten europäischen Versuche, explizit Comics zu machen, datieren in die späten 1920er-Jahre. Hergé mit Tim und Struppi rangiert tatsächlich unter den ersten europäischen Zeichnern, die nicht länger „Bilderzählungen“ im Stil des 19. Jahrhunderts schufen. Und just zu dieser Zeit, in den frühen 1930er-Jahren, begann in Deutschland der Nationalsozialismus. Im Dritten Reich war es natürlich nicht opportun, Comic-Serien aus Belgien oder Frankreich zu übernehmen, geschweige denn amerikanische. Das bedeutet, wir haben in Deutschland einen Bruch, eben zu der Zeit, in der Comic-Europa erwacht. Deutsche Überlegungen in Sachen Comic setzten dann erst wieder in den 1950er-Jahren ein, zu einer Zeit, als die anti-amerikanische Propaganda immer noch wirkte und in den USA unter Senator McCarthy heftige Zensurdebatten gegen den Comic tobten. Allerdings nicht gegen das Medium an sich, sondern explizit gegen das Comic-Heft und gegen das Genre der Crime- und Horror-Comics. In Ermangelung einer tieferen Einsicht in die Geschichte der Comics im Allgemeinen und der spezifischen Auseinandersetzung in den USA im Speziellen, fällten die deutschen Pädagogen ein Urteil über das Medium insgesamt: Schund. Das haben andere Länder in dieser Weise nie getan.

Hat sich an dieser Haltung etwas geändert?

Heute hat sich die Situation maßgeblich verbessert, zweifellos. Dadurch, dass Presse und  Feuilleton seit Jahren über Comics oder bevorzugt „Graphic Novels“ schreiben, verliert das Medium zunehmend seine Anrüchgikeit. Das Problem, das wir nach wie vor haben, ist die geringe Zahl an Lesern. Wir brauchen einfach mehr Leser, weil eine Comic-Industrie nur dann überleben kann, wenn die Auflagenzahlen so hoch sind, dass ein Zeichner, der ein oder zwei Jahre für ein neues Album braucht, in dieser Zeit wirtschaftlich überleben kann. Andernfalls verlieren wir weiterhin alle unsere Talente an Werbeagenturen oder andere Zeichenproduktionen. Es ist schön, dass der Comic inzwischen kulturell aufgewertet ist, aber das, was wir brauchen, sind Menschen, die den Comic so selbstverständlich lesen wie sie einen Roman konsumieren oder ins Kino gehen oder in die Oper oder ins Schauspiel. Der Comic ist kein Randphänomen für Nerds, die sich in Comic-Shops rumdrücken, sondern für alle Menschen da, die im Kontext ihrer zahlreichen Leseerfahrung wie selbstverständlich zu einem Comic greifen. Eine solche Haltung, die in Japan oder Frankreich, sogar Spanien oder Italien selbstverständlich ist, würde uns sehr helfen.

Was unterscheidet Comics und Manga? Und wie unterscheidet sich der jeweilige Markt?

Dass wir Manga-Originale in der Ausstellung haben, ist wirklich etwas ganz Seltenes und absolut großartig. In der Regel verleihen die japanischen Künstler die Originale nicht, sondern stellen Faksimiles aus. Allein vom „Gott des Manga“, Osamu Tezuka, haben wir insgesamt 16 Originale hängen: Astro Boy, Kimba, der weiße Löwe und Buddha. Der Manga, also der japanische Comic, ist insofern ein Spezifikum, weil es kaum Querverbindungen zu Amerika und Europa gibt. Der Manga hat sich in seinem Kulturkreis ganz eigenständig entwickelt, und er ist ein so enorm starkes Medium am japanischen Markt, dass wir uns die Dimensionen kaum vorstellen können. Die Manga-Industrie setzt in Japan pro Jahr 3,5 Milliarden Euro um. Es erscheinen täglich durchschnittlich zehn neue Manga am Markt, und es gibt ca. 5.000 Zeichner und Texter in der Industrie, die von ihrer kreativen Arbeit leben können. Das ist ein unvorstellbares Ausmaß. Ein Viertel der gesamten Printmedien in Japan sind Manga. Und die Menschen lesen sie so selbstverständlich in der U-Bahn und im öffentlichen Leben, wie es in Deutschland nicht denkbar ist. Das zeigt, wie selbstverständlich es sein kann, eine Kommunikation in Text und Bild für erwachsene Leser zu akzeptieren. In diesem grundsätzlichen Sinne sind sich Comic und Manga über alle Kulturkreise hinweg sehr ähnlich. Es ist ein Privileg, das hier in Bonn anhand von Originalen in unmittelbarer Nachbarschaft studieren zu können.

„Sie müssen keine Rücksicht auf gesellschaftliche Befindlichkeiten nehmen. Sie erzählen mit ihren Comics, was sie wollen, und in der Art, wie sie es wollen.“

Was macht den Underground-Comic so speziell? Was ist sein Ursprung?

Der Underground-Comic erfand den Comic in den späten 1960er-Jahren quasi noch einmal neu – mit vielen Parallelen zu den Pionierjahren 70-Jahre zuvor, was künstlerische Freiheit und Experimentierfreude betrifft. Die Zensurdebatten der 1950er-Jahre in Folge der starken gesellschaftlichen Anfeindungen führten in den USA 1954 zu einem Selbstzensur-Code. In Comics durfte fortan keine Politik mehr behandelt werden, keine Sexualität, es durfte nicht Geflucht werden, und die Darstellung etwa von Kriminalität oder Scheidungen war verboten. Nur bei Beachtung dieser Regeln erlangte ein Comic Zutritt zu den Vertriebswegen an die Verkaufsstellen. Die jüngere Generation der späten 1960er-Jahre im Umfeld von Studentenbewegung, Hippie-Kultur, Rock-Musik und Drogenkonsum hat damit radikal gebrochen. Die haben sich gesagt, wir ignorieren alle  Regeln des Establishments, gründen unsere eigenen Verlage, erschließen eigene Vertriebswege über Plattenläden oder Headshops oder per Mail-Order und zeichnen fortan, was wir wollen, ohne Schere im Kopf. Plötzlich waren wieder alle Themen da. Es wurde über Politik gezeichnet, über Drogen und Sex. Damit war der Grundstein gelegt für eine neue, ambitionierte Art von Comics: Independent- oder Autoren-Comics – oder nennen wir sie dann in der Folge „Graphic Novels“ –, bei denen der Verlag keinen Einfluss mehr auf den Inhalt nimmt, sondern nur für die Dienstleistung, Produktion und den Vertrieb Sorge trägt.

Ist die Graphic Novel eine natürliche Weiterentwicklung oder nur ein neuer, werbewirksamer Begriff?

Der Begriff der „Graphic Novel“ hat seinen Ursprung bei Will Eisner, der 1978 seinen Comic „Vertrag mit Gott“ mit dieser Unterzeile versah. Das machte Schule, und er etablierte sich für alle Comics, die sich ihrem inhaltlichen Anspruch nach und im variablen, häufig seitenstarken Umfang eher als „grafischer Roman“ verstanden. Mittlerweile ist der Begriff ein wenig in Verruf geraten, weil sehr viele Verlage das Label auf ihre Comics kleben, um damit im Feuilleton zu punkten. Aber nicht jeder zeitgenössicher Comic ist auch automatisch eine Graphic Novel. Mir persönlich ist diese Diskussion ziemlich egal. Es geht letztlich darum, dass mehr Menschen den Comic für sich entdecken und damit die kreativen Möglichkeiten, die im gleichzeitigen Kommunizieren mit Text und Bild stecken. Kurz gesagt: Wenn sich Kartoffeln besser verkaufen, wenn wir sie ab sofort Erdäpfel nennen, soll mir das recht sein.

Haben die aktuellen Superheldenfilme von Marvel und DC die Hefte mitbefördert? Oder werden sie in gewisser Weise zu bunten Drehbüchern degradiert? Und verändern die Filme die Wahrnehmung von Comics oder vielleicht die Comics selbst?

Der Comic beinhaltete von Anfang an das Potenzial einer Verwertung oder Adaption in andere Formen der Unterhaltungsindustrie. Das war schon am Ende des 19. Jahrhunderts so, wenn aus Comic-Stoffen Musicals und später Filme wurden. Die Superhelden nahmen 1939 ihren Anfang mit der Erfindung von Superman. Ich finde es faszinierend, dass der Comic schon mehr als ein halbes Jahrhundert früher in der Lage gewesen ist, überzeugend zu imaginieren, dass Menschen mit Superkräften ausgestattet sind und durch die Luft fliegen. Eine vergleichbar überzeugende Suggestion gelingt dem Film erst heute im Zeitalter von CGI. Erst die moderne Computertechnologie macht es möglich, so etwas ästhetisch glaubwürdig in Szene zu setzen. Diese neue Wechselwirkung zwischen Film und Comic verändert natürlich auch den Comic maßgeblich in seiner Ästhetik, weil er nun einen gleich- und schwergewichtigen Konkurrenten am Markt hat. Der Comic muss entweder erzählerisch noch innovativer oder optisch mit seinen Splash-Pages und Effekten noch bombastischer und spektakulärer werden, hat aber gewissermaßen den Zeitfaktor auf seiner Seite. Das, was im Kino unglaublich schnell am Betrachter vorbeizieht, kann ich im Comic genüsslich und ausführlich studieren – bis ins letzte Detail. Ich denke, dass die Konkurrenz des Films den Superhelden-Comic in ein Zeitalter des Manierismus führen wird. Das „Wie“, die Stilistik, wird noch bedeutender werden als sie ohnehin schon ist.

Papier oder Screen – Welche Rolle spielt das Internet?

Die Frage zielt nicht nur auf die Art des Zeichnens – auf Papier oder auf einem Screen bzw. Tablet –, sondern auch auf die Publikationsweise. Das Internet hat den Comic bereits insofern verändert, als die Zeichner nicht mehr darauf angewiesen sind, einen Verlag für ihre Idee oder ihre Geschichte zu finden, sondern einfach einen Blog eröffnen und dort in dem Rhythmus, der zu ihrem Leben passt, ihre Produktionen online stellen. Das entspricht der alten Freiheit des Comics, nur ein Stück Papier und einen Stift zu benötigen, und schon geht es los – übertragen ins Zeitalter der elektronischen Medien. Bislang haben aber fast alle diese „Innovationen“ zur Folge gehabt, dass früher oder später Verlage darauf aufmerksam wurden, und die Zeichner eingeladen haben, ihre Comics auch auf Papier zu veröffentlichen. Von daher bestehen Print- und Online-Medien nebeneinander in guter Harmonie. Das schließt sich nicht aus, sondern ergänzt sich hervorragend. Allein die Möglichkeit des Bildschirms, durch Scrollen vertikal zu kommunizieren, eröffnet neue Kreativmöglichkeiten, die sich vom traditionellen Hintereinander in Form von Bildern in Reihen unterscheiden. Das Scrollen lässt sich schwer ins Blättern von Seiten übertragen, aber selbst solche Produktionen sind schon entsprechend umgebrochen und in Buchform veröffentlicht worden. Der Comic in Buch- oder Heftform ist noch lange nicht obsolet.


COMICS! MANGAS! GRAPHIC NOVELS!
bis 10. September 2017 in Bonn

COMICS SOMMER-CLUB
Dienstag bis Samstag, 10–18 Uhr / betreute Workshops, 15–18 Uhr
Sonntag, 11–17 Uhr / betreute Workshops, 11–17 Uhr / „Wonder Woman“ erklärt Comics, 15–17 Uhr