Karla Faßbender arbeitet an der Skulptur „Welle im Auslauf“

„Der Stein führt mich“

Formen, raspeln, schleifen – ohne Sehkraft

Die blinde Bildhauerin Karla Faßbender (*1950) ist Mitglied im Verein Blinde und Kunst e.V. und hat im Rahmen der Ausstelllung Wetterbericht. Über Wetterkultur und Klimawissenschaft (7. Oktober 2017 – 4. März 2018) die Skulptur  „Welle im Auslauf“ angefertigt,  die auch ertastet werden darf.  Das Tastobjekt entstand im Rahmen des Förderprojekts PILOT INKLUSION.

Karla Faßbender lebt und arbeitet in Alfter. Durch Entzündungen der Augen hat sie fast ihre gesamte Sehkraft verloren. Seit 2002 ist sie bildhauerisch tätig. Birgit Tellmann, in der Bundeskunsthalle für Inklusion zuständig, traf die Bildhauerin während der letzten Arbeitsphase.

Wie gehst du bei deinen Arbeiten normalerweise vor?

Ich nehme erst einmal den Stein wahr, betaste ihn und schaue, wie er aussieht. Dann denke ich darüber nach, wie der Stein für mich werden könnte und modelliere das.

Du erfühlst die Oberfläche, weil du sie visuell nicht wahrnehmen kannst, um auszuprobieren, in welche Richtung dieser Stein sich entwickeln könnte?

Genau. Ich befühle den Stein richtig und verinnerliche ihn so. Dann nutze ich Ton, um ein Modell herzustellen, wie der Stein später aussehen könnte. Erst dann fange ich an, an ihm zu arbeiten. Manchmal merke ich schon während der Arbeit, dass das Ergebnis mit meinem Tonmodell gar nichts mehr zu tun hat, weil ich in eine ganz andere Richtung gegangen bin. Manchmal erkennt man das kleine Tonmodell aber auch wieder.

Bist du bei der Skulptur „Welle im Auslauf“, die eine Auftragsarbeit für unsere Ausstellung ist, ebenso vorgegangen?

Auch zur Welle habe ich zwei Tonmodelle gemacht. Aber die sind ganz anders. Ich habe mir einen Alabasterstein ausgesucht, obwohl ich eigentlich nie wieder damit arbeiten wollte, weil Alabaster so schwierig zu bearbeiten ist.
Normalerweise führt mich der Stein und ich arbeite aus ihm heraus, aber hier ist die Welle eine klare Vorgabe. Das fiel mir sehr schwer. Als ich aber die Form und die Linien hatte, fand ich es schön so zu arbeiten, auch mit dem Alabaster. Ich arbeite sonst auch gerne mit Speckstein oder Selenit und Serpentin. Beim Bearbeiten des Steins muss man sehr aufpassen, denn was man weg nimmt, ist auch weg – anders als bei der Arbeit mit Ton.
Zuerst habe ich mir also einen Alabasterstein in einer  Dicke von 15 cm schneiden lassen. Dann habe ich überlegt, dass ich eine Welle mache, die mit viel Sog aus dem Meer herauskommt, und ein paar kleinere auslaufende. Am Anfang habe ich die große Welle eingezeichnet und bin dann mit einer kleinen Raspel immer weiter in den Stein reingegangen. Danach habe ich begonnen, zu beiden Seiten weiter aus dem Stein herauszuarbeiten. Erst später wurden dann die kleineren Wellen erarbeitet.
Für mich fühlte sich das gut an und nur so kann ich es machen. Ich arbeite nun schon seit mehreren Monaten an der Skulptur. Es ist für mich immer auch eine sehr meditative Arbeit, die ich am liebsten im Garten verrichte. Ich hab immer gern frische Luft um mich.

 

„Eine Woche versuche ich das mal, hatte ich gesagt. Neun Jahre ist das her.“

Wie bist du überhaupt zur Bildhauerei gekommen?

Zum ersten Mal mit Stein gearbeitet habe ich in dem Projekt einer Bildhauerin, die gern mit blinden Menschen arbeiten wollte. Auch dort haben wir zunächst Ton verwendet und erst dann versucht, unsere Figuren in Stein zu machen. Wir waren ganz überrascht, was wir konnten und wie gut wir waren. Und dann bin ich dran geblieben, auch durch die Unterstützung von meinem Mann. Durch eine Erkrankung konnte ich mich gar nicht mehr bewegen und er sagte, dass ich diese Arbeit doch im Stehen machen könne. Zuerst hatte ich mich gesträubt, aber er blieb hartnäckig und hat mich letztlich überredet zur Sommerakademie der Alanus Hochschule zu gehen. Eine Woche versuche ich das mal, hatte ich ihm damals gesagt.

Wie lange ist das mittlerweile her?

Neun Jahre.

Und seitdem bist du als Bildhauerin tätig?

Ja. Ich habe richtig Spaß daran bekommen. Das hat mir auch sehr geholfen, wieder stabil zu werden – physisch, aber auch psychisch. Es tut mir einfach sehr gut. Deswegen bin ich seit neun Jahren dabei und mache immer mal wieder Ausstellungen.

Du stellst Skulpturen für den Innen- und Außenraum her. 

Ja, auf jeden Fall. Auf Alabaster muss irgendwann einfach die Sonne scheinen. Alabaster ist ganz durchscheinend. Wenn man ihn gegen das Licht hält, dann kann man das schön sehen. Ich kann es zwar nicht sehen, aber ihr vielleicht.

Ganz konkret, handwerklich betrachtet: Wie schaffst du diese Arbeit ohne sehen zu können? Wie gehst du vor?

Ich hab immer einen Finger an der Raspel, damit ich weiß, wo ich bin. Das ist wichtig. Manchmal ist es nur ein ganz kleiner Grad und schon ist es verkehrt. Ich haue auch schon mal, aber nur sehr wenig. Das ist bei mir unkontrolliert. Ich muss immer die Finger unten am Meißel haben, damit ich weiß, wo ich bin. Meine Mitmenschen fallen beinahe in Ohnmacht, wenn sie mich arbeiten sehen. Sie sagen mir immer, ich solle auf die Finger achten, aber so einfach geht das nicht. Lieber noch arbeite ich aber mit Raspeln. Das dauert allerdings auch länger. Bei der Skulptur für die Wetterbericht-Ausstellung  „Welle im Auslauf“ komme ich bereits locker auf 100 Stunden und es werden immer mehr. Ich möchte noch etwas tiefer in den Stein rein, die Welle noch etwas verfeinern und ausarbeiten. Wenn die Skulptur dann fertig ist, bearbeite ich sie noch mit Schleifpapier. Dann ist der Stein ganz fein. Das ist auch noch mal viel Arbeit. Aber es ist eine schöne Arbeit. Es hat etwas Meditatives, dieses schleifende Geräusch.


WETTERBERICHT
ÜBER WETTERKULTUR UND KLIMAWISSENSCHAFT
7. Oktober 2017 bis 4. März 2018

Eine Ausstellung der Bundeskunsthalle und des Deutschen Museums
In Kooperation mit der United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) und dem Deutschen Wetterdienst

Alle Informationen zur Ausstellung
Audioguide: App Store | Play Store

Karla Faßbender arbeitet an der Skulptur „Welle im Auslauf“
Karla Faßbender arbeitet an der Skulptur „Welle im Auslauf“
Karla Faßbenders Werkzeuge
Karla Faßbenders Werkzeuge
Karla Faßbender arbeitet an der Skulptur „Welle im Auslauf“
Karla Faßbender arbeitet an der Skulptur „Welle im Auslauf“
Karla Faßbender arbeitet an der Skulptur „Welle im Auslauf“
Karla Faßbender arbeitet an der Skulptur „Welle im Auslauf“
  1. Foto: Birgit Tellmann, 2017 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  2. Foto: Birgit Tellmann, 2017 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  3. Foto: Birgit Tellmann, 2017 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  4. Foto: Birgit Tellmann, 2017 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  5. Foto: Birgit Tellmann, 2017 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

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