Plastiktüten als Socken

Arved Fuchs über extreme Wetterbedingungen

„Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur falsche Kleidung!“ Mit dieser Behauptung konfrontierten Karsten Schwanke (Meteorologe) und Stephan Andreae den Extrem-Abenteuerreisenden Arved Fuchs am 24. Januar in Bad Bramstedt im hohen Norden. Fuchs gelangte als erster Mensch innerhalb eines Jahres zum Süd- und zum Nordpol, und er reiste in einem Rettungsboot durch das stürmischste Meer dieses Planeten von Elephant Island bis nach Sürgeorgien. Seine kategorische Antwort auf diese Behauptung war „Nein!“, es gebe ganz fürchterliches Wetter, angstmachend bis lebensbedrohlich. Letztlich ginge es nur darum, sich damit zu arrangieren. Er erläuterte seine Techniken, wenigstens die Füße warm zu halten, und warum man sich sorgfältig mit einer Klobürste die Kleidung reinigen muss, bevor man ins Zelt kriecht, um nicht zu erfrieren.

Arved Fuchs (* 26. April 1953 in Bad Bramstedt) ist deutscher Polarforscher und Buchautor. Er wurde durch zahlreiche Fernsehdokumentationen und Fotoreportagen bekannt. Nach der Schule absolvierte er eine Ausbildung bei der Handelsmarine. Seit 1977 führten ihn zahlreiche Expeditionen vor allem in arktische Gebiete. 1979 reiste er erstmals an die Westküste Grönlands. Fuchs’ Vorhaben im Jahre 1980, zu Fuß den Nordpol zu erreichen, scheiterte zunächst; neun Jahre später konnte er dieses Projekt erfolgreich durchführen. 1983 überquerte er auf der Route der Alfred-Wegener-Expedition von 1930 das grönländische Inlandeis. Seit 1989 besitzt Fuchs das Expeditionsschiff Dagmar Aaen. Er ist zudem einer der deutschen Botschafter der internationalen UN-Dekade Biologische Vielfalt und ehrenamtlicher Klimawald-Botschafter der Stiftung Klimawald.

Arved Fuchs auf hoher See © facebook.com/Arved-Fuchs-Expeditionen

Unterschreiben Sie den Satz „Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur falsche Kleidung“?

Nein! (lacht) Die geeignete oder richtige Kleidung hilft natürlich, bestimmte Wetterlagen leichter zu ertragen. Das ändert aber nichts am Wettergeschehen selbst. Ein Sturm ist zum Beispiel eine Naturerscheinung, die einen in jeder Hinsicht fordert – physisch wie auch mental. So ein Sturm hat ja immer auch Auswirkungen auf das seelische Empfinden. Das hat etwas mit Bedrohung und eventuell Ängsten zu tun, oder auch Erschöpfung oder Seekrankheit. Viele Faktoren spielen da eine Rolle.

Man zieht so wenig an, wie es gerade eben erträglich ist, vor allem, wenn man sich bewegt.

Gibt es einen Bekleidungstrick, um sich in den Polarregionen die Füße warm zu halten?

Die Extremitäten sind immer problematisch. Jemand, der zum ersten Mal in die Polarregion kommt, der sieht aus wie ein aufgeplustertes Michelin-Männchen, weil er alles übereinanderzieht, was er hat. Und dann geht er drei Schritte und bricht in Schweiß aus, trotz der minus 40 Grad. Und er wundert sich, dass ihm dann plötzlich richtig kalt wird. Das Prinzip ist: Man zieht so wenig an, wie es gerade eben erträglich ist, vor allem, wenn man sich bewegt. Und erst, wenn man eine Pause einlegt, zieht man noch eine Daunenjacke oder ähnliches über. Beim Weitergehen legt man sie wieder ab, auch wenn einem dann erst einmal kalt wird. Das Schlimmste ist – und das bezieht sich insbesondere auf die Extremitäten – wenn Feuchtigkeit ins Spiel kommt. Auch bei minus 40 Grad Celsius kann ich schwitzen, wenn auch nur für wenige Sekunden oder Minuten. Dieser Schweiß hängt sofort in der Kleidung drin, insbesondere dann, wenn ich zu viel anhabe. Es kann auch eine noch so tolle Funktionsunterwäsche sein, wenn ich darüber zu viel trage, wird sie trotzdem nass. Das gilt natürlich auch für die Füße. Wir haben dafür sogenannte „vapor barrier socks“. Das sind im Grunde Plastiktüten, die die Form eines Strumpfes haben. Man trägt sie am Fuß über einer ganz dünnen Socke aus Seide oder Polypropylen. Und erst über den beiden Lagen kommen richtig dicke Socken. So bleiben die dicken Socken, die ja eigentlich die Wärme generieren sollen, immer trocken.  Die Feuchtigkeit bzw. das Kondensat bleibt in dieser Plastiktüte. Und wenn man abends in das Zelt kommt, bürstet man sich vorher ab. Wir haben dafür immer eine Klobürste dabei, mit der sich jeder gründlich abbürstet. Das machen wir, damit dieser Raureif draußen bleibt. In Fleece-Pullis bilden sich jedes Mal kleine Eiskristalle, daher bürstet man sich besser sorgfältig ab. Die Pflege der Kleidung ist extrem wichtig. Erst nach dem Abbürsten geht man ins Zelt, denn wenn man mit der verschneiten, verfrorenen, vereisten Kleidung hereinginge und der Kocher im Zelt an ist, würden die Eisreste beginnen zu tauen. Die Kleidung würde nass werden und anschließend frieren, und man bekäme sie nicht mehr trocken. Auch seine Socken kann man erst im Zelt wieder ausziehen. Diese Plastiktüten gefrieren draußen in weniger als einer Minute. Man bürstet sie aus und am nächsten Tag sind sie trocken, sodass man sie wieder tragen kann. Auf diese Art und Weise schützt man die Füße sehr gut.

Die Tropen sind mir zu langweilig, ich brauche Jahreszeiten.

Was treibt einen denn an solche Orte? Also ich friere nicht gerne.

Ich finde es einfach toll. Die Tropen sind mir zu langweilig, ich brauche Jahreszeiten. Und auch zum Januar gehört die Kälte. Wir waren kürzlich auf der Ostsee segeln und ich habe es genossen. Das Schiff ist nun auch für die Kälte ausgerüstet und unter Deck ist es warm. Ich friere auch nicht gerne, aber das ist nicht die zentrale Frage. Viel mehr reizen mich die Landschaften, die Regionen. Die Arktis ist eine tausende Jahre alte Kulturlandschaft. Die Menschen haben sich dort unter unglaublich harten Bedingungen weiterentwickelt. Es ist eine ästhetische Landschaft, und das gleiche gilt auch für die Antarktis. Da ist es eben kalt; genauso wie es in der Sahara heiß ist. Wenn ich diese Region bereisen möchte, muss ich die Kälte akzeptieren. Dafür muss ich meine Hausaufgaben machen und wissen, wie ich mich dort in einer relativen Sicherheit bewege. Hadere ich ständig mit dieser Kälte und rede mir ein, dass es höchst unangenehm ist, werde ich mich niemals damit arrangieren können. Daher ist es wichtig zu wissen, wie ich mich richtig kleide und mit der Kälte umgehe, und dann muss ich die Kälte einfach zulassen. Wenn ich das einmal mental verarbeitet habe, dann ist es so, als wenn ein großes Panoramafenster aufgestoßen und einem der Ausblick in eine Landschaft ermöglicht wird, die einem vorher verschlossen war.


Das vollständige Interview wird im Katalog zur Ausstellung „Wetterbericht“ erscheinen. Arved Fuchs spricht darin u.a. über die Sehnsucht nach Komfort, über Wetter, das selbst ihm Angst bereitet, aber auch über sein Lieblingswetter und den Klimawandel, der unbestreitbar menschengemacht sei.

WETTERBERICHT
ÜBER WETTERKULTUR UND KLIMAWISSENSCHAFT
6. Oktober 2017 bis 4. März 2018

Starker Wellengang
Mit dem Schiff durch die eisige Kälte
Eislandschaft und ihre Tierwelt