Heinrich Gehring im Persischen Garten der Bundeskunsthalle, Foto: Benjamin Doum

Heinrich Gehring im Persichen Garten der Bundeskunsthalle, Foto: Benjamin Doum

Vom Eckschrank ins Museum

Wie ein antikes Kulturgut den Weg vom Ruhrgebiet zurück in den Iran fand

Niemand wunderte sich ernsthaft über die Anfragen, die uns erreichten. Oft in Form von Fotos, manchmal gar als Video über die Social-Media-Kanäle der Bundeskunsthalle. Immer ging es um vermeintliche Kunstobjekte, die aus dem Iran stammen sollten. Können Sie mir sagen, was das ist? Wie alt es ist? Wäre das nicht auch etwas für die Ausstellung? Letztlich endete jede Mitteilung mit der gleichen Frage: Was ist es wert? Was bekomme ich dafür?

Skepsis war durchaus angebracht, als sich Heinrich Gehring an uns wandte. Der pensionierte Pfarrer aus Essen war einer von über 100.000 Besuchern der Ausstellung Iran. Frühe Kulturen zwischen Wasser und Wüste. Er hatte in der Ausstellung jedoch eine Sammlung von Vasen entdeckt, in der für ihn ein entscheidendes Gefäß fehlte. Es verweilte seit Jahrzehnten im Dunkel seines Wohnzimmer-Eckschränkchens. Wie war dieses Kulturgut nur in seinen Besitz gelangt?

Raubkunst im Wohnzimmer

„Das war zur Zeit der Khomeini-Revolution“, erzählt Gehring mit einer Selbstverständlichkeit und Leidenschaft, die einem innewohnt, wenn man mehr als 50 Jahre in einem Pfarrhaus im Arbeiterviertel Borbeck gelebt und die Geschicke der evangelischen Kirche in Essen geleitet hat. Er spricht von 1979, als der Revolutionsführer Ajatollah Chomeini an die Macht kam und eine iranische Theokratie einführte. Der Iran war in Aufruhr, nichts war mehr sicher. „Damals klopfte ein junger Perser an die Tür des Pfarrhauses, der unbedingt nach München weiterreisen wollte“, berichtet Gehring. „Dafür fehlte ihm aber das nötige Geld. Meine Frau und ich nahmen ihn also erst einmal auf, sahen dann aber, dass er eine Tasche voller Kunstwerke und alter Schätze bei sich hatte. Ich wusste, sie gehört nicht hier her.“

Die Vermutung liegt nah, dass sich der junge Mann an den brach liegenden Feldern der durch die Revolution vertriebenen westlichen Ausgräber bedient hatte. Heinrich Gehring sollte ihm etwas abkauften, was er nicht tat. „Ich war ganz betroffen beim Anblick dieser uralten Perlen und dem vielen Goldschmuck.“ Zwei Tage später konnte der junge Mann mit der Hilfe von Verwandten weiterreisen und hinterließ seinem Gastgeber ein Tongefäß als Geschenk. „Ich war gerührt, aber von diesem Tag an hatte ich immer auch ein schlechtes Gewissen, wenn ich diese Vase sah.“

 

„Diese Ausstellung war Anlass genug, die Vase endlich zurückzugeben.“

Wer fühlt sich schon wohl mit einem Raubschatz in den eigenen vier Wänden? In dem Gefäß befand sich ein Zettel, auf dem  „Hassanlu, 1500 bis 2000 v. Chr.“ stand. Ein Hinweis darauf, dass die Vase bereits auf ihr Alter und die Herkunft untersucht worden war. Heinrich Gehring war jedoch ratlos, an wen er sich wenden sollte. Das kleine Tongefäß geriet zunehmend in Vergessenheit – bis zu seinem Besuch in der Bonner Ausstellung. „Dieses Gefühl, dass die Vase bei mir vollkommen falsch sei, kehrte zurück. Diese Ausstellung war Anlass genug, sie endlich zurückzugeben.“

Ein Vertrauensbeweis ohnegleichen

Er wandte sich an die Ausstellungsleiterin Susanne Annen, die den Kontakt zur Kuratorin Barbara Helwing und zum Leiter des Nationalmuseums in Teheran, Professor Jebrael Nokandeh, herstellte. Die Reaktionen schwankten zwischen Begeisterung und Aufregung, glaubten sie doch an die Echtheit der Vase. Nur gab es ein Problem: Es ist höchst ungewöhnlich, ein Exponat mehr zurückzuführen als eingeführt wurde. Das Kulturgüterschutzgesetz verbietet dies, wenn die entsprechenden Papiere nicht vorliegen. Letztlich musste die Iranische Botschaft eingeschaltet werden, damit der Zoll die notwendigen Papiere ausstellte. Der Weg war damit frei für die iranischen Kuriere, die für den Abbau der Ausstellung in Bonn angereist waren.

Heinrich Gehring ist sichtlich gerührt, als er erfährt, dass die wertvolle Vase, die so viele Jahre in seinem Wohnzimmer stand, ihre rechtmäßige Heimat inzwischen erreicht hat und im Nationalmuseum in Teheran angekommen ist. „Dieses Wagnis, iranische Kulturgüter auf die Reise nach Bonn zu schicken, ist doch ein Vertrauensbeweis ohnegleichen. Es ist toll, dieses Vertrauen in gewisser Weise zu belohnen. Die Freude ist doch unbezahlbar, die ich mit dieser völlig unbeschädigten kleinen Vase auslösen konnte. Man sieht weder einen Sprung noch sonst irgendwo eine Macke in dem Gefäß.“

Wichtiger noch als der Zustand des Gefäßes ist das, wofür es steht: eine vertrauensvolle und erfolgreiche Zusammenarbeit über alle Grenzen hinaus, die ihren glücklichen Höhepunkt dem Besuch eines Essener Pfarrers verdankt.

Im nächsten Jahr möchte Heinrich Gehring gemeinsam mit einem Freund aus der Schweiz nach Iran reisen: „Natürlich bin ich neugierig zu sehen, wo das Töpfchen nun steht.“ Diese Verbindung wird ewig bestehen bleiben.

Die iranische Vase in Heinrich Gehrings Wohnzimmer, Foto: H. Gehring
Die iranische Vase in Heinrich Gehrings Wohnzimmer, Foto: H. Gehring
Susanne Annen und die Mitarbeiterinnen des Nationalmuseums Teheran, die das Gefäß in Empfang nehmen, Foto: H. Gehring
Susanne Annen und die Mitarbeiterinnen des Nationalmuseums Teheran, die das Gefäß in Empfang nehmen, Foto: H. Gehring
Das Dokument, das die Übergabe offiziell macht, Foto: H. Gehring
Das Dokument, das die Übergabe offiziell macht, Foto: H. Gehring
  1. Heinrich Gehring im Persischen Garten der Bundeskunsthalle, Foto: Benjamin Doum
  2. Die iranische Vase in Heinrich Gehrings Wohnzimmer, Foto: H. Gehring
  3. Susanne Annen und die Mitarbeiterinnen des Nationalmuseums Teheran, die das Gefäß in Empfang nehmen, Foto: H. Gehring
  4. Das Dokument, das die Übergabe offiziell macht, Foto: H. Gehring

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Das könnte Sie auch interessieren:

Orangen auf dem Tisch, Wasser, Pflanzen und Museumsgebäude

Der Persische Garten

Die Erfindung des Paradieses

Featured Video Play Icon

Iran – Behind the Art

Der Film zur Ausstellung

Das größte Projekt der Weltgeschichte

Ist die Erde noch zu retten?