Gregor Schwellenbach auf dem Boden sitzend im Foyer der Bundeskunsthalle

Klassik oder Ambient? Beides!

Gregor Schwellenbach über innere Ohren und musikalische Grenzgänge

Gregor Schwellenbach verbindet zeitgenössische Komposition mit anspruchsvoller Clubkultur. Sein Programm für Klavier und Streichquartett bewegt sich zwischen Arvo Pärt und Charles Ives und verbindet eigene Kompositionen mit Klassikern des Kölner Minimal-Techno Labels Kompakt. Dabei experimentiert er mit minimalistischen Strukturen und sucht nach Wegen zwischen klassischer Moderne und Ambientmusik.

Das neue Programm der Bundeskunsthalle – live arts – widmet sich den darstellenden Künsten, insbesondere Tanz, Theater, Musik und Performance. Auftakt der Reihe am 10. Juni ist ein Doppelkonzert von Gregor Schwellenbach und GAS, dem langjährigen Projekt der elektronischen Ambient- und Minimal-Music-Größe Wolfgang Voigt.

Wir haben Gregor Schwellenbach im Vorfeld getroffen und ihm ein paar Fragen gestellt – zu Klassik, Ambient und seinem Platz im Zwischenraum musikalisch gegensätzlicher Felder.

Klassische Musikausbildung und Vorliebe für Ambient – wie profitiert das eine vom anderen?

Erst mal blockiert sich das, denn die klassische Ausbildung verleitet dazu, bei einfachen Strukturen immer zu denken: „Das kann ja wohl nicht alles sein!“ während bei Ambient oft die Kunst darin besteht, gegebenenfalls die Magie in einem auch einfachen Musikmoment wahrzunehmen und stehen zu lassen. Es ist andererseits von Vorteil, die viele komponierte Musik zu kennen, die als Ambient funktioniert, von Éliane Radigue über La Monte Young bis Anna Thorvaldsdottir. Auch ein langsamer Satz von sagen wir Richard Strauss macht sich gut in einem Ambient DJ Set.

Als Komponist wiederum profitiere ich davon, wie ein DJ zu denken, nicht vom Künstler sondern vom Hörer auszugehen. In der klassischen Ausbildung frage ich mich immer: „Was habe ich zu sagen?“ Als DJ frage ich mich: „Welche Musik sollten wir als nächstes hören?“ Das kann die inneren Ohren erfrischend öffnen.

Wie kam es zur Kompakt-Kollaboration? 

Ich habe in den Platten von Kompakt immer etwas wiedergefunden, mit dem ich mich identifiziere und das in meinem Studium nicht so repräsentiert war: Unabhängigkeit, beinahe provozierende Leichtigkeit, ein Sich-nicht-zu-wichtig-nehmen. Um zu verstehen, wie sich dieser Charakter durch Musik transportieren lässt, habe ich einige Stücke transkribiert und analysiert. Dabei stellte sich heraus, dass manche der Motive auch eine brauchbare Basis für Klavier- oder Kammermusik sein können. Jahre später habe ich Mitarbeitern von Kompakt diese Studien gezeigt, und es entstand die Idee, zum 20jährigen Labeljubiläum eine Veröffentlichung mit meinen Versionen zusammenzustellen.

Elektro in klassichen Arrangements – wie herausfordernd ist das? 

Ich möchte nur Musik machen, von der ich denke, dass die Welt sie nötig hat. Allein mit einer Genre-Entscheidung ist da noch nichts gewonnen. Ich muss immer einen guten Grund liefern, warum man sich anhören sollte, was ich mache, muss interessieren, überraschen und verzaubern, ob ich mich nun in einem etablierten Genre bewege, mit den unterschiedlichen Traditionen spiele oder etwas völlig neues entwerfe.

„Ich muss immer einen guten Grund liefern, warum man sich anhören sollte, was ich mache.“

Gibt es so etwas wie die Essenz des Komponierens? Dein persönlicher Ansatz, ganz gleich in welchem Bereich?

Ich versuche beim Komponieren immer wie ein spielendes Kind zu denken und vorzugehen. Gleichzeitig bemerke ich bei mir immer einen pädagogischen Ansatz: Ich möchte Leuten etwas Tolles zeigen und sie für etwas begeistern, das sie noch nicht gut genug kannten. Und dann mag ich es Geschichten zu erzählen. Meine Musik ist also möglicherweise verspielt, pädagogisch und unterhaltsam.

Konzertsaal oder Club – was ist reizvoller?

Ich fühle mich in beidem gleichermaßen zu Hause. Am liebsten ist mir, wenn ich typisches Clubpublikum zu einem Ausflug in den Konzertsaal verleiten kann. Umgekehrt ist aber auch schön.

Ist denn nicht alles irgendwie Pop? 

Ganz und gar nicht, Pop spielt in vielem überhaupt keine Rolle. Ich habe allerdings persönlich auch zu vieler traditioneller Hochkultur einen Pop-Zugang. Damit meine ich, dass es mich nicht ausschließlich wegen des Inhalts anspricht, sondern auch wegen des Styles, der damit verbunden ist. Ich mag Klassik am liebsten von alten Schallplatten mit gut designten Covern. Ich mag, dass sich ein Orchesterkonzertbesuch wie ein Truffaut-Film anfühlen kann, und die Musik von Karlheinz Stockhausen würde mich ohne die Geschichten über seine Persönlichkeit gar nicht interessieren.

Dein All Time Favorite? 

Der zweite Satz aus dem G-Dur Klavierkonzert von Maurice Ravel.

Und was hörst du gerade? 

Ich war gerade auf einem Field Recording Trip in Athen und habe mir einen Stapel Rembetiko-Schallplatten mitgebracht. Und das Arca-Album ist auch gut.


 

(Videomaterial: from out of sounds / ambientfestival)

live arts
Ambient-Konzert von Gregor Schwellenbach / GAS
Samstag, 10. Juni 2017, 20.00 Uhr
Eintrittskarten sind an der Kasse oder über Bonnticket im Vorverkauf erhältlich
Weitere Informationen

Gregor Schwellenbach sitzt in einem der Sessel im Foyer der Bundeskunsthalle
Gregor Schwellenbach liegt in einem der Sessel im Foyer der Bundeskunsthalle
Gregor Schwellenbach auf dem Boden sitzend im Foyer der Bundeskunsthalle
  1. Gregor Schwellenbach, 2017 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  2. Gregor Schwellenbach, 2017 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  3. Gregor Schwellenbach, 2017 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  4. Gregor Schwellenbach, 2017 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

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