Mehrere Personen sitzen vor Laptops und Monitoren im französischen Pavillon der Buchmesse Frankfurt.

Totgesagte leben länger

Digitales von der Frankfurter Buchmesse 2017

In Deutschland ist das E-Book bei den 14- bis 29-Jährigen am beliebtesten, aber ein Zukunftsmodell ist es vielleicht doch nicht: Achim Berg, der Präsident vom Digitalverband Bitkom konstatiert, dass der Absatz stagniert. Das hat vielerlei Gründe, so sicherlich den im Vergleich zum gedruckten Buch hohen Preis. Aber auch, dass das E-Book keine farbigen Abbildungen bietet und dass es nicht verschenkt werden kann. Beim Betreten der Frankfurter Buchmesse staunt man, welche Mengen dieser „Verschenk-Bücher“ präsentiert werden. Buchcover kommen poppig-naiv mit  Kinderschreibschrift verziert daher, Regale schwappen über mit Titeln wie „Faszienfitness“,  „99  Dinge für echte Kerle“ und „Hochsensibel – was tun?“ Mit Büchern hat sich einmal der Bildungsbürger geschmückt – die hier präsentierten Bücher sind ein Produkt wie viele andere – schnell produziert, wegen des Umschlags gekauft, landen sie oft ungelesen im Altpapier. Großartige Schriftsteller, hochwertige Kunst- und Bildbände gibt es natürlich auch. In Halle 4.1., dem Mekka der Kunstbuchliebhaber, sind weiterhin nur Printausgaben erhältlich. Kein Wunder: Horrende Kosten für Bildrechte, riesige Datenvolumen, uneinheitliche Formate und Plattformen verhindern vorläufig digitale Veröffentlichungen bzw. eine größere Verbreitung. Dabei sind die technischen Voraussetzungen längst da und bieten ein ungeheures Potential an Zusatznutzen, die ein Kunstbuch oder ein Reiseführer zukünftig bieten kann.

Juchhu, ich habe ein Buch geschrieben! E-Books für alle

Jetzt, in 2017, sind wir digital aber noch bei bilderlosen „Lesebüchern“, den E-Books. Und der Anteil an der jungen Generation, die statistisch die meisten E-Books liest, schrumpft sogar. Der Anteil derjenigen, die selbst ein Buch veröffentlichen wollen, wächst. Und damit sind wir beim Selfpublishing: Jeder kann bei amazon publishing, bod und anderen Anbietern Autor werden und kostenlos veröffentlichen. Inzwischen warten online Massen von fast kostenlosen Buchangeboten auf Leserinnen und Leser. Kosten verursacht das für die Autorin oder den Autor erst einmal nicht, es gibt auch kein Altpapier, also eine win-win-Situation. Die Menge der veröffentlichten Werke steigt, kein Verlag, kein Lektor beurteilt, redigiert – alles, einfach alles, kann online veröffentlich werden. Hier schreiben die Leser die Rezensionen, und allein die Leser stimmen per Verkaufszahl über den Erfolg eines Buches ab. Amazon publishing hat diesen Markt fest im Griff und ruft gerade ganz konsequent zum „Blogger Challenge“ auf: Blogger rezensieren amazon publishing-Bücher und betreiben so auch noch kostenlos Werbung. Wird ein Buch online wirklich erfolgreich, steigt amazon publishing (oder ein anderer Verlag) ein, und das Buch erscheint  als Printfassung – das gedruckte Buch ist immer noch der Ritterschlag! Amanda Hocking hat so eine Millionen-Auflage erreicht und ist zum Star der Selfpublishing-Szene geworden.

Es wird gebloggt und geschrieben, in jeder Stadt gibt es Literaturcamps. Aber insgesamt gibt es weniger Buchkäufer, noch weniger Leser, und es kaufen weniger Menschen für weniger Geld mehr Bücher, so die Statistik des Börsenvereins.

Personen auf dem Messestand von amazon publishing
Werbepostkarte für den Blogger-Challenge von Amazon Publishing
Amazon lobt Preise für Blogger aus, die Rezensionen über Bücher schreiben, die bei amazon publishing veröffentlicht wurden.
Messestand mit mehreren Personen, die sich zum Thema "Selfpublishing" informieren.
"How accessible are your products?" - Panel zum Thema Sehbehinderung und Zugänglichkeit von Verlagsprodukten
"How accessible are your products?" - Panel zum Thema Sehbehinderung und Zugänglichkeit von Verlagsprodukten

Bücher in kleinen Auflagen drucken lassen: Printing on Demand

Ein Autor, der keinen Verlag findet und sein Buch lieber gleich gedruckt sehen will, kann es im Digitaldruck auch in Kleinstauflagen drucken lassen. Das geht zu Festpreisen mit und ohne verlegerische Leistung und Beratung. Hilfsprogramme erzeugen bunte Covervorlagen. Man kann zwischen Papierqualitäten wählen, aber bei der Druckqualität gibt es sehr viel Luft nach oben. Ob das Salatblatt im Kochbuch mehr oder weniger grün ist, kann egal sein. Für Kunstbildbände reicht diese Qualität leider (noch) nicht – dabei wäre das ein Zukunftsthema: Wo Verlage und Museen nicht mehr kostendeckend arbeiten können, könnte dies ein nachhaltiger Service sein: Vergriffene Standardwerke könnten über einen langen Zeitraum hinweg als „print on demand“ bestellt und einzeln gedruckt werden. Gerade bei Kunstbildbänden und Ausstellungskatalogen ist aber höchste Bildqualität gefordert, und so heißt es (noch): warten. Auch wir in der Bundeskunsthalle arbeiten weiterhin mit Kunstbuch-Verlagen zusammen, die Qualität und Knowhow bieten. Vorläufig bieten weder Digitaldruck, Printing-on-Demand noch E-Books überzeugende Alternativen.

Buchmessen-App und digitale Hotspots

Wer einen Eindruck davon bekommen möchte, wie digital die Buchmesse geworden ist, sollte nicht unbedingt mit der werbefinanzierten App der Buchmesse anfangen – außer, dass sie bei der Bedienung gleich drei Mal abgestürzt ist, funktioniert genau das nicht, was man wirklich brauchen könnte: Wegführung zu Messeständen und Treffpunkten. Leider fordert die App als erstes Zugriff auf alle privaten Daten und bietet nur einen unübersichtlichen Plan des Messegeländes – schade!

Spannender ist ein Blick in den schmalen Ausstellerkatalog „Hot Spots. The digital zones of the Frankfurt book fair“, in dem Panels und Vorträge gelistet sind wie „Barrierefreiheit für digitale Verlagsprodukte“, Spielwissenschaften im Produktdesign, „cloud-based e-reader platforms for education“, E-Learning mit interaktiven E-Books. Und ein absolutes Muss  ist inzwischen der Orbanism Space, der „offizielle Digitaltreffpunkt“ der Buchmesse. Hier, in der „Kunstbuch-Halle“ 4.1., treffen sich nun wirklich alle, die zwischen gedruckten und digitalen Buchstaben groß geworden sind. Die offiziellen Talks werden live übertragen und sind auch später noch abrufbar. Neu in diesem Jahr ist THE ARTS+, mit dem Ansatz, innovative Unternehmen der internationalen Kultur- und Technologiebranche zusammenzubringen.

Vom Digitalen zum Analogen und zurück

Mein Highlight auf der diesjährigen Buchmesse waren die digitalen Projekte des Gastlandes Frankreich: Angefangen mit der Vorstellung des Instagram-Accounts ete-arte bis zu den fantastischen Arbeiten von Marietta Ren und Laurent Bramardi: Die  Graphic Novel „Phallaina“ (als kostenlose App downloadbar!), funktioniert wie eine chinesische Schriftrolle. Ausgestellt als Ausdruck ist sie 130 Meter lang, und laut Laurent Bramardi benötigt man online 90 Minuten, um bis ans Ende zu gelangen. Diese Arbeit verwischt die Grenzen von Analogem und Digitalem, sie erzählt wie jedes Buch eine Geschichte – formal ganz neu. Aber bis wir nicht mehr darüber diskutieren, ob gedruckte Bücher besser sind als digitale, sondern klug gemachte Bücher ganz neue Formen annehmen dürfen, werden noch einige Buchmessen ins Land gehen. Es lebe das Buch!

Abgebildet ist das Projekt Shape Reader - Tea bricks. Man sieht quadratische Platten mit gravierten Strukturen. Teeziegel waren gleichzeitig Währung und Nahrung und wurden zum Versand von Teeblättern gedient, waren aber gleichzeitig auch beschriftet und lesbar. Der Künstler Ilan Manouach hat sie übersetzt in taktile Strukturen, die nun auch für Sehbehinderte erfassbar sind.
Projekt Shape Reader - Tea bricks. Teeziegel waren gleichzeitig Währung und Nahrung und wurden zum Versand von Teeblättern gedient, waren aber gleichzeitig auch beschriftet und lesbar. Der Künstler Ilan Manouach hat sie übersetzt in taktile Strukturen, die nun auch für Sehbehinderte erfassbar sind.
Das Digitalatelier war Teil und ein Projekt des französischen Pavillons. Das Foto zeigt das Schild mit der gleichnamigen Aufschrift.
Das Digitalatelier war Teil und ein Projekt des französischen Pavillons.
Das Foto zeigt einen Blick in den neuen Buchmessen-Teil THE ARTS+ Fair. Es ist der Versuch, innovative Unternehmen der internationalen Kultur- und Technologiebranche zusammenzubringen. Es werden Fragen gestellt wie: Kunst und Kultur in der Urheberschaftskrise? Wird es der Kunst ähnlich ergehen wie Musik, Publishing und Film im digitalen Zeitalter?
THE ARTS+ Fair ist neu auf der Buchmesse. Es ist der Versuch, innovative Unternehmen der internationalen Kultur- und Technologiebranche zusammenzubringen. Es werden Fragen gestellt wie: Kunst und Kultur in der Urheberschaftskrise? Wird es der Kunst ähnlich ergehen wie Musik, Publishing und Film im digitalen Zeitalter?
  1. Digitales Atelier im französischen Pavillon der Buchmesse Frankfurt. Foto: Jutta Frings
  2. Messestand von amazon publishing, auf dem neue Autorinnen und Autoren gewonnen werden sollen.
  3. (c) Amazon Publishing 2017
  4. Werbung für Selfpublishing am Messestand von BoD, die mit "Books on Demand" früh am Start waren.
  5. "How accessible are your products?" - Panel zum Thema Sehbehinderung und Zugänglichkeit von Verlagsprodukten
  6. Projekt Shape Reader - Tea bricks. Teeziegel waren gleichzeitig Währung und Nahrung und wurden zum Versand von Teeblättern gedient, waren aber gleichzeitig auch beschriftet und lesbar. Der Künstler Ilan Manouach hat sie übersetzt in taktile Strukturen, die nun auch für Sehbehinderte erfassbar sind.
  7. Das Digitalatelier war Teil und ein Projekt des französischen Pavillons.
  8. THE ARTS+ Fair ist neu auf der Buchmesse. Es ist der Versuch, innovative Unternehmen der internationalen Kultur- und Technologiebranche zusammenzubringen. Es werden Fragen gestellt wie: Kunst und Kultur in der Urheberschaftskrise? Wird es der Kunst ähnlich ergehen wie Musik, Publishing und Film im digitalen Zeitalter?

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