Marina Abramović, The Artist is Present, Performance, Die Künstlerin sitzt den Besuchern gegenüber

Marina Abramović, The Artist is Present

Es ist unmöglich, nicht zu kommunizieren

Die Kunst von Marina Abramović

Man kann nicht nicht kommunizieren. Dieses Axiom Paul Watzlawicks ist wohl das bekannteste Zitat zur Kommunikation und umfasst im Prinzip die gesamte Funktionsweise menschlicher Interaktion. Kommunikation findet fortwährend statt, bewusst oder unbewusst, durch Sprache, Mimik oder Gestik, durch Handeln oder Unterlassen. Ebenso wie es unmöglich ist, sich nicht zu verhalten, ist es nicht möglich, nicht zu kommunizieren. In der Kunst von Marina Abramović lässt sich dieses Prinzip bestens nachverfolgen, ja sogar als Grundprämisse ihrer Kunst bezeichnen, die in ihrem Selbstverständnis auf der menschlichen Erfahrung von körperlicher und geistiger Interaktion und Erfahrung basiert.

Blickkontakt mit 1675 Personen

Bei ihrer Performance The Artist is Present (2010), die Marina Abramović während ihrer großen Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) inszenierte, bot sie den Besuchern der Ausstellung die Möglichkeit, mit ihr in direkten Kontakt zu treten. Völlig regungslos saß die Künstlerin auf einem Stuhl inmitten des zentralen Ausstellungssaals, vor ihr ein Tisch, auf der gegenüberliegenden Seite ein weiterer Stuhl, für die Besucher. Die Performance lief während der gesamten Ausstellungsdauer, insgesamt 736 Stunden, in denen Abramović mit 1675 Personen Blickkontakt hatte. Stumm saßen sich die Akteure gegenüber und blickten sich in die Augen. Der Kontakt dauerte jeweils so lange, bis der Besucher sich entschied, aufzustehen und die Situation zu verlassen. Obwohl die Kommunikation sich auf die minimalen Regungen im Gesicht der Beteiligten beschränkte, beschreiben alle – die Künstlerin wie auch die Besucher – die Begegnung als besonders intensive, ja geradezu fundamentale Erfahrung, die mitunter starke emotionale Reaktionen hervorrief. Die Künstlerin selbst beschreibt die Performance als eine der schwierigsten, die sie je gemacht habe.

Entscheidend ist die Situation

Viel stärker noch als in ihren frühen Arbeiten konzentriert sich Marina Abramović mittlerweile darauf, den Besucher selbst in ihre Performances einzubeziehen, ihn zum Subjekt zu machen, das selbst agiert, reagiert, Situationen erspürt und erfährt. Dies ist einerseits aus ihrer künstlerischen Entwicklung heraus zu verstehen, die sich zu Beginn auf die eigene körperliche Erfahrung konzentrierte und die physischen sowie psychischen Grenzen der Belastbarkeit auslotete. Von 1975 bis 1988 arbeitete sie mit ihrem Lebenspartner Ulay zusammen und erweiterte auf diese Weise das performative Konzept um die Dualität und Polarität der zwischenmenschlichen Interaktion. Die Entscheidung, die Konzepte auf die Anwendung am bzw. Handlung durch das Publikum zu erweitern, ist aber auch durch einen anderen Fakt zu erklären. Spätestens seit ihrer Retrospektive im MoMA in New York war Marina Abramović so populär, dass viele der Besucher eher kamen, um einen Voyeurismus zu befriedigen, als um der eigenen Erfahrung willen. Es war auch diese Feststellung, die die Künstlerin dazu brachte, die Aufmerksamkeit von ihrer eigenen Person auf die Situation und die Handlung als solche umzulenken.


„Meine Arbeit funktioniert nur, wenn das Publikum eine Beziehung zu mir hat. Das Grundproblem ist die passive und voyeuristische Beziehung des Publikums zum Künstler und zum Museum.“

 

Marina Abramović, Rhythm 0, Performance, 6 Stunden
Marina Abramović, Rhythm 0, Performance, 6 Stunden, Studio Morra, Neapel, 1974

Die Grundlage dieses Ansatzes lässt sich aber durchaus schon in den frühen Performances Abramovićs finden, etwa in den Rhythm-Arbeiten, einer Serie von Performances, in denen sich die Künstlerin extremen körperlichen Erfahrungen aussetzt, die mitunter zu Verletzungen bis hin zu Bewusstlosigkeit führten. Das Publikum spielte zumeist eine inaktive Rolle und erfuhr den physischen Akt vermittelt durch die Künstlerin lediglich passiv. In einer ihrer frühen Performances, Rhythm 0 (1974), wird zwar durchaus das Publikum zum handelnden Subjekt, jedoch steht die körperliche Erfahrung der Künstlerin fraglos im Vordergrund: In einem Galerieraum platziert sich die Künstlerin stehend und reglos, neben ihr ein Tisch mit 72 Gegenständen verschiedenster Art. Das Publikum wird aufgefordert, mithilfe der Gegenstände Handlungen an der Künstlerin vorzunehmen und wird von jeglicher Verantwortung für die Konsequenzen von der Künstlerin freigesprochen. Was nun folgt, ist eine schockierende Kette von Handlungen und Reaktionen, in deren Folge Marina Abramović angegriffen, körperlich verletzt, teilweise entblößt und schließlich ihr Leben bedroht wird. Ist dies tatsächlich die einfache und unabwendbare Konsequenz aus dem vorherigen Freispruch durch die Künstlerin? Schwindet die Moral folgerichtig sobald die Absolution sicher ist?

„Sie wünscht sich das, sonst würde sie sich wehren“

Schockierend wirkt dieses Szenario, aus dem Teilnehmer berichten, dass die Situation kippte, als erstmals Waffen (Skalpell, Messer, Revolver) ins Spiel kamen. Das Publikum spaltete sich in Aggressoren und Beschützer, niemand konnte sich dort „nicht verhalten“. Wer nicht handelte, wurde zum Hilfeverweigerer, zum Voyeur, zum Mitwisser und moralischem Mittäter. Wenn man Marina Abramović in dieser Konstellation nun aber als passives Objekt betrachtete, als nicht kommunizierendes Element der Performance, das sich der Situation auslieferte, ohne sie weiter zu beeinflussen, täuscht man sich. Abgesehen davon, dass ihre Rolle als Initiatorin der Performance und somit als verantwortliche Autorin und nicht bloße Darstellerin dem Publikum bekannt war, ist das Verhalten Abramovićs in dieser Situation entscheidend. Dass sie sich ganz bewusst nicht zur Wehr setzt, löst bei den Betrachtern offensichtlich unterschiedliche Reaktionen aus: Von „sie wünscht sich das, sonst würde sie sich wehren“ über „wir müssen sie (vor sich selbst) schützen“ bis hin zu „ich mische mich nicht ein“. Marina Abramović ist auf die Erfahrung aus, sie möchte wissen und erfahren, zu welchen Höhen und Tiefen der menschliche Geist und Körper in der Lage ist. In ihren Performances, die sie als „Körper-Recherchen“ bezeichnet, geht es ihr also nicht in erster Linie um die Performance als Bühnenakt, als Aufführung von Handlungen, sondern um das psychische und physische Erspüren von Zuständen. Dies gilt auch für die Performance Rhythm 0, bei der das Publikum als handelndes Subjekt scheinbar im Fokus steht, jedoch – im Hinblick auf den künstlerischen Ansatz – letztlich doch eher zum Werkzeug der planvollen „Körper-Recherche“ Abramovićs wird.


Die beschriebenen Werke sind in der Ausstellung Marina Abramović. The Cleaner zu sehen, vom 20. April bis 12. August 2018 in der Bundeskunsthalle, Bonn.
Eine Ausstellung der Bundeskunsthalle in Kooperation mit dem Moderna Museet, Stockholm, und dem Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk

  1. Marina Abramović, The Artist is Present, Performance, 3 Monate, The Museum of Modern Art, New York, 2010 © Marina Abramović, Foto: © Marco Anelli, Courtesy of the Marina Abramović Archives, VG Bild-Kunst, Bonn 2018

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