Luftakrobaten auf der Bühne, an einer Stange hängend.

Tanz, Theater und Akrobatik

Wie Ockham’s Razor den Zirkus neu erfinden

Mit Tipping Point präsentiert die Aerial Theatre Company Ockham’s Razor eine Show zwischen den Genres – Tanz, Theater und Luftakrobatik werden vereint mit dem Ziel, den Zirkus neu zu erfinden. Ein Gespräch mit der künstlerischen Leiterin Charlotte Mooney.

Wir freuen uns sehr und sind auch ein wenig stolz darauf, dass ihr in der Bundeskunsthalle auftreten werdet. Es ist eure erste Performance in Bonn und erst die zweite in Deutschland. Ihr scheint noch immer ein Geheimtipp zu sein. Was kann das Publikum von euch und eurem Stück Tipping Point erwarten?

Danke vielmals! Wir sind sehr glücklich, wieder in Deutschland zu sein. Es gibt zwei Dinge, für die wir hauptsächlich bekannt sind: Erstens nutzen wir die Verletzlichkeit, das Vertrauen und die Abhängigkeiten, die zwischen Zirkusartisten auf der Bühne bestehen und kreieren daraus Theater. D.h. wir nutzen diese Dynamik, um starke Beziehungen und erkennbare Emotionen zu schaffen. Unsere Shows sind originell und aufregend in Bezug auf Zirkustechniken, aber untermauert werden sie immer durch Beziehungen. Die andere Sache ist, dass wir für jede Show eine eigene Ausrüstung entwerfen oder originelle Wege finden, existierende Zirkusausrüstung zu benutzen. Bei Tipping Point verwenden wir eine Reihe von ganz einfachen Stangen, aber indem wir sie auf Fingerspitzen balancieren, sie wie Pendel schwingen und noch viel mehr an und mit ihnen entdecken, verwandeln sie sich in eine Reihe herausfordernder Landschaften, die die Darsteller erst einmal meistern müssen. Wir wurden deswegen sogar schon frustrierte Bildhauer genannt!

Ihr seid in Großbritannien gut etabliert und habt sogar den Preis des Edinburgh Festival for Circus gewonnen. Versucht man eure Arbeit zu beschreiben, kommen einem aber viele weitere Bezeichnungen und Genres in den Sinn: Cirque Nouveau, Tanz, Luftakrobatik, physisches und visuelles Theater. Könnt ihr beschreiben, wie all das in eurer Arbeit zusammenkommt?

Die drei künstlerischen Leiter (Alex Harvey, Tina Koch und ich) haben alle an einer Zirkusschule in Bristol namens Circomedia gelernt. In dieser Schule trainierten wir physisches Theater und Zirkus, mit dem Ziel, in der Kombination von beidem den Zirkus neu zu erfinden. Sowohl Tina als auch Alex sind zudem ausgebildete Künstler mit Erfahrung in Tanz und Poesie. In den letzten Jahren haben wir zudem weitere Formen studiert: Lecoq, visuelles Theater, Storytelling und Objektmanipulation. Wir versuchen, all diese Fähigkeiten in jede Show einzubringen und schauen dann, wie wir das, was wir tun, noch weiter vorantreiben können.

Habt ihr im Grunde euer eigenes Genre kreiert?

Ich denke, wir gehören definitiv zum Genre des zeitgenössischen Zirkus. Ich liebe diese Form, weil sie so vielfältig ist und sich ständig neu erfindet. Es gibt so viele technische Fähigkeiten, die unter dem Begriff Zirkus vereint sind, und so viele Möglichkeiten, sie zu interpretieren – von Burlesque über Slapstick zu Tanz. Ich glaube gern, dass wir uns ständig weiterentwickeln, obwohl ich auch denke, dass eine Ockham‘s Razor-Show ein unverkennbares Gefühl vermittelt.

Wie wichtig ist die Musik in euren Produktionen?

Sie ist essenziell. Je nachdem wie eine Szene musikalisch untermalt wird, kann das die Art, sie zu lesen und wie sie dich bewegt, vollkommen verändern. Wir arbeiten während des Entstehungsprozesses eng mit den Komponisten zusammen und erstellen den Soundtrack im Dialog mit den Bildern. Für Tipping Point arbeiteten wir mit Adem Ilhan und Quinta, die unglaublich waren.

Ein Teil eurer Arbeit umfasst Workshops für Menschen jeden Alters und jeder Herkunft. Wie wichtig ist es euch als Künstler und Company, auf diese Weise anderen eure Kunst zu vermitteln?

Sehr wichtig! Wir versuchen, Workshops anzubieten, wo immer es auf unserer Tour möglich ist. Wir versuchen vor allem, unseren Umgang mit Zirkus näherzubringen und nicht nur Zirkuskünste als solche zu vermitteln. Es gibt viele Orte, an denen man Zirkustechniken lernen kann. Deutlich seltener ist die Möglichkeit, zu erforschen, wie man die Zirkusbewegung auf neue Weise nutzen könnte – und was das bedeuten könnte.


Die Aerial Theatre Company Ockham’s Razor wurde 2004 gegründet und gehört zu den bekanntesten und erfolgreichsten Zirkuskompagnien Englands. Ihr Name leitet sich von einem Forschungsprinzip aus der Scholastik ab, das dem mittelalterlichen Philosophen Wilhelm von Ockham (1288–1347) zugeschrieben wird. Es besagt, dass von mehreren möglichen Erklärungen, sofern sie sich auf ein und denselben Sachverhalt beziehen, immer die einfachste vorzuziehen sei.

live arts – TANZ
Ockham’s Razor: Tipping Point

Freitag, 15. Juni 2018, 20 Uhr
Samstag, 16. Juni 2016, 16 Uhr

(Auch) für Kinder ab 6 Jahren geeignet
Eintrittskarten sind an der Kasse oder über Bonnticket im Vorverkauf erhältlich.

Luftakrobaten auf der Bühne, an einer Stange hängend.
Luftakrobaten auf der Bühne, an einer Stange hängend.
Luftakrobaten auf der Bühne, an einer Stange hängend.
Luftakrobaten auf der Bühne, an einer Stange hängend.
  1. Ockham’s Razor, Foto: Mark Dawson Photography
  2. Ockham’s Razor, Foto: Mark Dawson Photography
  3. Ockham’s Razor, Foto: Mark Dawson Photography
  4. Ockham’s Razor, Foto: Mark Dawson Photography
  5. Ockham’s Razor, Foto: Mark Dawson Photography

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