Sven Helbig & Forrklang Quartett spielen ein Konzert

Sven Helbig & Forrklang Quartett, 2018, Foto: Mirko Glaser

Kraft, die aus Wandlung entsteht

Sven Helbig über musikalische Barrierefreiheit

Zwischen Klassik, experimenteller elektronischer Musik und einer Eingängigkeit, die sich aus dem Pop speist – Sven Helbig hat ein Ohr für fesselnde Melodien. Mit seiner bestens ausgebildeten klassischen Arrangiertechnik und der sicheren Hand für elektronische Klangschöpfungen kreiert der Komponist und Musikproduzent große Musiklandschaften. Nach einem Gastspiel in der Elbphilharmonie können wir uns davon auch in Bonn überzeugen. Gemeinsam mit seinem Forrklang Quartett spielt Helbig im Rahmen von live arts am Samstag, dem 20. Oktober in der Bundeskunsthalle.
Wir konnten dem Multiinstrumentalisten, der in vielen Genres heimisch ist, vorab ein paar Fragen stellen.

Wie ordnest du dich selbst musikalisch ein? 

Ich würde mich als musikalisch barrierefrei bezeichnen. Da ich selbst sehr viel verschiedene Musik höre, kommen hier einige Dinge zusammen: Klassik, experimentelle Electronica, Ambient, Drone und Post-Rock-Elemente. Die klassische Prägung ist in meinem aktuellen Programm am stärksten. Aber in meinem musikalischen Alltag gibt es auch ausgedehnte Phasen, in denen ich keine Klassik höre. Im Moment begeistern mich Geir Sundstøl aus Norwegen oder auch der Österreicher Dorian Concept.

Und wie stehst du zu Genres im Allgemeinen: Verbinden oder überwinden?

Ich bin mir nicht sicher. Ich selbst mag manchmal stilistisch saubere Musik: einen perfekten Soul Song, einen trockenen Hip Hop Beat, einen Blues auf der Gitarre zum Beispiel. Da gefallen mir oft keine experimentellen Verwischungen. Vielleicht sollte doch lieber etwas Neues entstehen, aber das lässt sich nicht erzwingen. Ich ordne die Zutaten nach meinem Geschmack und wir werden sehen, ob die Elemente zu etwas Eigenem verschmelzen.

Was ist der Ausgangspunkt deiner Kompositionen? Und ab wann weißt du, wohin es dich führt? 

Das ist unterschiedlich. Manchmal kenne ich zuerst das Ende, wie beim Schreiben eines Buches. Manchmal ist es einfach ein Melodiefragment. Ich beginne im Moment meistens mit den klassischen Instrumenten und ohne Elektronik. Vielleicht ändert sich das beim nächsten Album, und die Elektronik bekommt mehr Raum.

Auch als Produzent und Arrangeur präsentierst du dich vielseitig (Pet Shop Boys, Rammstein, Snoop Dogg). Was müssen Künstler mitbringen, so dass du mit ihnen arbeiten möchtest? 

Sie müssen in ihrem Genre einzigartig sein und mich inspirieren. Das kann ich manchmal nicht rational erklären. Snoop Doggs erstes Album habe ich 1993 in New York gekauft. Da sprach ich noch kein Wort Englisch. Ich mochte den Sound und die Energie. Heute kann ich das gar nicht mehr hören, weil ich die Texte nicht ertrage.

Was ist die Geschichte hinter Titel und Coverartwork deiner neuen EP? Und wie gehen diese überein? 

Die Musik gestaltet einen Vorgang, den ich im Leben so oft beobachtet habe: ein erstes flüchtiges Interesse, dann Leidenschaft und Willen, die man investiert. Danach bilden sich Muster, die außer Kontrolle geraten, und am Ende bleibt die melancholische Erkenntnis, dass man das Geschehene zwar versteht, aber auch für die Zukunft nicht verhindern kann. Man hat den Schlüssel für ein Problem, dass sich so nicht wieder zeigt. Am Ende des Lebens steht man da mit einem Schlüsselbund für Türen, die es nicht mehr gibt.
Das Trigram auf dem Cover ist ein Zeichen aus dem chinesischen „I Ging“. Es steht für die Kraft, die aus Wandlung entsteht, für unendliches Entstehen von Neuem.

Was können die Bonner von der Live-Umsetzung erwarten, gerade auch im Zusammenspiel mit dem Forrklang Quartett?

Es wird von klassischer, kammermusikalischer Musik bis zu kraftvoller Elektronik alles dabei sein. Das Quartett spielt so fantastisch, dass ich mich manchmal auch ganz herausnehme und nur zuhöre.


live arts präsentiert
Sven Helbig & Forrklang Quartett
Samstag, 20. Oktober 2018, 20 Uhr
in der Bundeskunsthalle