Harold John Brothers, Russian Hill, San Francisco

California Dreams

Unzählige Träume, eine Ausstellung

Kalifornien steht als Sehnsuchtsort seit jeher für die Träume von einem „besseren Leben“. Besonders von San Francisco gingen immer wieder weltweite Impulse aus: vom Goldrausch im 19. Jahrhundert bis hin zu den großen sozialen und politischen Bewegungen des 20. Jahrhunderts. Heute bildet Silicon Valley einen erneuten globalen Anziehungspunkt in der San Francisco Bay Area.
Mit Kunstwerken und historischen Objekten von zahlreichen kalifornischen und europäischen Leihgebern zeichnet die Ausstellung California Dreams. San Francisco – ein Porträt ab dem 12. September ein vielfältiges Porträt der Stadt über vier Jahrhunderte. Kuratiert wird die Schau von Sylvia Kasprycki und Henriette Pleiger. Im Gespräch verrät Pleiger, was wir erwarten können: Geschichten von Wohlstand und Überfluss, von anderen (zuweilen utopischen) Gesellschaftsordnungen, innovativen Lebensentwürfen, kreativen künstlerischen Perspektiven und neuen technologischen Horizonten. Auch wichtige globale Fragen unserer Gegenwart werden thematisiert.

Eine Stadt, vier Jahrhunderte und unzählige Entwicklungen, die die ganze Welt beeinflusst und verändert haben. Was macht San Francisco so besonders?

San Francisco ist eine Stadt, die viele Menschen sehr lieben, und es sind besonders zwei Themen, die mit dieser Stadt verbunden sind: der Goldrausch 1849 und der legendäre „Summer of Love“ der Hippiebewegung 1967. Beide Themen werden in der Rückschau häufig nostalgisch verklärt, so große Auswirkungen sie weltweit auch hatten. Doch es gibt so viele Geschichten darüber hinaus, die diese Stadt zu bieten hat!

„Die Metropolen Kaliforniens sind ohne Einwanderung nicht zu denken.“

Mit welcher Geschichte beginnt die Ausstellung?

Kalifornien ist insgesamt eine wunderschöne Weltgegend, die viele Menschen damals wie heute gerne bereisen. Das fruchtbare Land war schon um 8000 v. Chr. bewohnt. Ab dem 16. Jahrhundert näherten sich die ersten europäischen „Entdecker“ der kalifornischen Küste, doch wegen des oft dichten Nebels wurde die Bucht von San Francisco erst im 18. Jahrhundert gefunden. Ab 1850 löste der Goldrausch dann eine riesige Einwanderungswelle aus Europa und Asien nach San Francisco aus. Aus einem Dorf mit 1000 Einwanderern entstand in wenigen Jahren eine Großstadt. Bei unseren Recherchen in San Francisco sagte jemand, dass sich die jüngere Geschichte Kaliforniens auch als eine Geschichte von Spekulationen erzählen ließe: Es ging dabei um fruchtbares Land und reiche Ressourcen wie Gold und Silber. Heute setzt sich diese Jagd nach Reichtum im Silicon Valley fort. Kalifornien war von Anfang an ein begnadeter und begehrter Ort, und die vielen eingewanderten Menschen aus aller Welt haben ihn von Anfang an geprägt. Die Metropolen Kaliforniens, insbesondere San Francisco, sind ohne Einwanderung nicht zu denken. Aber diese Einwanderung führte zu einer solchen Unterdrückung und Vertreibung der indigenen Bevölkerung, dass wir das heute als Genozid bezeichnen müssen. Auch das ist ein Teil unserer europäischen Kolonialgeschichte, denn die weißen Einwanderer haben dort Regie geführt.

Wie sehr hat die Migration die Region der San Francisco Bay Area geprägt?

Es gab mehrere Einwanderungswellen, zunächst aus Spanien mit dem Ziel, die indigene Bevölkerung zu missionieren. Später kamen Menschen aus Russland, um Handel zu treiben, dann die Europäer, die dort nach Gold und Reichtum suchten. Die Menschen kamen aus der ganzen Welt, vor allem auch aus Asien. Man muss sich klarmachen, dass San Francisco nach New York im 19. Jahrhundert der größte und wichtigste Einwanderungshafen der USA war. Hunderttausende sind über das „westliche Tor“ San Francisco nach Amerika gekommen und dann zum Teil ins Landesinnere weitergezogen. Aber sehr viele sind an der Küste, in der Region der San Francisco Bay Area, geblieben. Wer ankommen und bleiben durfte und wer wieder vertrieben wurde, bestimmte zumeist die weißen Bevölkerung, die über den Großteil des Besitzes verfügte. Sie hat bestimmt, wer dort arbeiten konnte, wer später ein Recht auf Einbürgerung hatte. Die ethnischen und sozialen Hierarchien wurden in einem reibungsvollen Prozess in den letzten 170 Jahren ausgehandelt, immer wieder und bis heute. Die Themen Migration und Integration sind auch heute hoch aktuell. Lebt man in Kalifornien – oder auch hier – in multikulturellen Gesellschaften wirklich in einem „Schmelztiegel“? Oder nicht eher in einem Schmelztiegel „auf kaltem Ofen“, in dem eigentlich eine Trennung nach Ethnien und Kulturen vorherrscht? In dem wir nicht wirklich miteinander verschmelzen oder miteinander zu tun haben? All diese Fragen stellen sich nicht nur in Amerika, sondern auch bei uns.

Gilbert Baker, Regenbogenfahne
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Oriana Weatherbee Day, Die Mission San Francisco de Asís (Mission Dolores)
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Pirkle Jones, Black Panthers diskutieren ihre Lektüre
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Colin Campbell Cooper, Der Palast der Schönen Künste, San Francisco
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„Was würden echte Integration, Gerechtigkeit und Gleichheit tatsächlich für uns alle bedeuten?“

Das sind aktuelle Fragen – kann die Ausstellung auch Antworten liefern? 

Wir möchten uns nicht anmaßen, Antworten auf drängende gesellschaftliche Fragen zu liefern, aber die Ausstellung wirft diese Fragen auf. Erst einmal, um bewusst zu machen, dass die politische Erfindung und Verklärung des Begriffs „Schmelztiegel“ oder „Melting Pot“ überprüft und mit Leben erfüllt werden muss – San Francisco steht hierbei nur beispielhaft für viele Städte weltweit. Wir möchten die sozialen Hierarchien offenlegen, die noch allzu oft entlang ethnischer Trennlinien verlaufen. Ich nenne nur ein Beispiel: die Bucht von San Francisco ist nach dem Goldrausch bis heute quecksilberverseucht, und die einzigen, die heute dort fischen, sind Vietnamesen und Afroamerikaner. Der größte Anteil der wertvollen Ressourcen, wie Wasser und gesunde Natur, ist nach wie vor in wohlhabender und damit zumeist in weißer Hand. Es lohnt sich der Blick auf die großen Umweltbelastungen, auch in den so genannten sauberen Technologien des Silicon Valley.  Denn es sind vor allem lateinamerikanische und asiatische Arbeiterinnen und Arbeiter, die dort besonders gesundheitsgefährdenden Bedingungen ausgesetzt sind. Es geht aber nicht darum, mit dem erhobenen Zeigefinger auf diese eine Region zu zeigen. Die Probleme dort sind weltweite Probleme. Was würden echte Integration, Gerechtigkeit und Gleichheit tatsächlich für uns alle bedeuten? San Francisco macht auch vieles richtig. Die Stadt ist seit 1989 eine „Sanctuary City“, die illegale Einwanderer aufnimmt und schützt.

Wie erzählt man Geschichten aus vier Jahrhunderte in einer einzigen Ausstellung?

Wir spannen zwar einen großen historischen Bogen vom 18. Jahrhundert bis heute, aber vor allem in den letzten 170 Jahren seit dem Goldrausch von 1849 haben sich die Ereignisse in der Bucht von San Francisco regelrecht überschlagen. Doch auch die historischen Phasen davor sind für die Gegenwart sehr lehrreich, hier ein Beispiel: Kalifornien war von 1821 bis 1848 mexikanisch und wurde erst danach zu einem amerikanischen Bundesstaat. Wir werden in diesem Bereich der Ausstellung neben der historischen Darstellung auch deutliche Bezüge zur Gegenwart ziehen, zu Donald Trumps Plänen einer Grenzmauer zu Mexiko und seiner restriktiven Grenzpolitik. Lateinamerikanische Arbeiterinnen und Arbeiter wurden in der amerikanischen Geschichte immer dann ins Land gelassen, wenn Arbeitermangel herrschte, aber ausgegrenzt, wenn sie nicht mehr gebraucht wurden. Gleiches widerfuhr ein wenig später auch den asiatischen Einwanderern Kaliforniens.

Brachte der Goldrausch auch viele Menschen aus Deutschland nach Kalifornien?

Unglaublich viele, darunter auch Levi Strauss, den Erfinder der Blue Jeans, die als Arbeitskleidung während dieser Zeit verwendet wurde und sich mit ihren patentierten Nieten bald global durchgesetzt hatte. Um 1900 war ein Viertel der Bevölkerung San Franciscos deutschsprachig (ca. 90.000 Personen). Das heißt, wir selbst  haben einen ganz großen Anteil an der Geschichte dieser amerikanischen Stadt. Schnell vergessen wird hingegen der asiatische Teil der Bevölkerung, weil wir uns San Francisco, ähnlich wie New York, häufig als eine sehr europäisch geprägte Stadt vorstellen. Das ist sie auch, aber über den Pazifik kamen hunderttausende asiatische Arbeiter bereits 1850 nach San Francisco, also nur ein Jahr nach dem ersten Goldfund. San Franciscos Chinatown ist die älteste in Amerika.

„Wir möchten San Francisco auch eine Liebeserklärung machen.“

Wie führt die Ausstellung die Stadtgeschichte in die Moderne?

Nach den großen Einwanderungswellen um 1850 und 1880 wuchs San Francisco schnell zu einer modernen Metropole heran. Das große Erdbeben von 1906 bedeutete allerdings einen enormen Rückschlag. Beinahe die gesamte Stadt brannte ab. Im Zuge des Wiederaufbaus fanden 1915 und 1939 zwei Weltausstellungen in San Francisco statt, die unter anderem den Bau des Panamakanals und der Golden Gate Bridge feierten. In ihnen wurden gewissermaßen die konservativen Werte des amerikanischen Mainstreams erfunden. Hier feierte sich „God’s Own Country“ und propagierte einen unbedingten Fortschrittsglauben, der bis heute anhält. Die Wiederaufbauparolen nach der Katastrophe von 1906 wurden durch die Zeit der großen Depression und zwei Weltkriege überschattet. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor in Hawaii wurden sämtliche japanischstämmigen Einwanderer, selbst bereits eingebürgerte, die zum Teil sogar für Amerika kämpften, mitsamt ihren Familien über mehrere Jahre in Internierungslagern eingesperrt. Nachdem es dann an japanischen Landarbeitern fehlte, sind viele Afroamerikaner nach San Francisco gezogen. Kaum waren die einen vertrieben, wurden andere als günstige Arbeitskräfte in die Stadt geholt – teilweise eins zu eins in den nun leer stehenden Häusern der japanischstämmigen Amerikaner untergebracht.

Dann folgte die Zeit des Aufbruchs und der Gegenkulturen – politische Bewegungen, alternative Lebensformen, künstlerische Innovationen und nicht zuletzt technologische Revolutionen…

Die Zeit nach 1945 bildet einen neuen Abschnitt in der Ausstellung. Nach dem Krieg warf die Beat-Generation, ein wichtiger Vorläufer der Hippiebewegung, die konservativen Werte über den Haufen. Auch die Studentenrevolten und die Black Power-Bewegung sind Teil der Ausstellung. Spätestens seit den 1960er Jahren gilt San Francisco zudem als „Gay Capital“, als die schwule Hauptstadt Amerikas. Im Ausstellungskapitel „Queer Liberation“ haben wir fantastische Leihgaben aus San Francisco, zum Beispiel von Gilbert Baker, Harvey Milk und Crawford Barton. Der letzte Raum der Ausstellung widmet sich einerseits Silicon Valley, als dem neuen Einwanderungsmagneten der Gegenwart, der aus unseren virtuellen Träumen ein Milliardengeschäft gemacht hat. Doch zum Schluss möchten wir San Francisco noch eine Liebeserklärung machen, indem wir mit einigen wunderbaren Kunstwerken die steilen Straßenschluchten und pazifischen Aussichten dieser großartigen Stadt am Golden Gate feiern.


CALIFORNIA DREAMS
San Francisco – ein Porträt
12. September 2019 bis 12. Januar 2020

Henriette Pleiger, Kuratorin
Henriette Pleiger, Kuratorin
  1. Harold John Brothers, Russian Hill, San Francisco, 1945, Fine Arts Museums San Francisco © Foto: Fine Arts Museum of San Francisco
  2. Gilbert Baker, Regenbogenfahne, nach 1978 © GLBT Historical Society, San Francisco
  3. Oriana Weatherbee Day, Die Mission San Francisco de Asís (Mission Dolores), 19. Jahrhundert © Fine Arts Museum of San Francisco
  4. Pirkle Jones, Black Panthers diskutieren ihre Lektüre, Bobby Hutton Memorial Park, Oakland, CA, 22. September 1968 (aus der Serie: Black Panther, 1968–1969), Museum Ludwig, Köln © Rheinisches Bildarchiv Köln
  5. Colin Campbell Cooper, Der Palast der Schönen Künste, San Francisco, 1916 © Crocker Art Museum, Sacramento

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