Blumen vor den Türmen der Bundeskunsthalle

Poesie des Gartens

Goethes Faszination für das Grüne

Goethe ist weltweit für seine Dichtkunst bekannt. Nicht alle wissen, dass er auch von der Gärtnerei, dem Grünen fasziniert war.
Angelika Schneider ist gelernte Landschaftsarchitektin und Referentin für Gartendenkmalpflege. Sie betreut neben großen Parkanlagen auch Goethes Hausgärten in Weimar. Im Gespräch erklärt sie, woher Goethes Interesse an der Natur rührte und welche Elemente der Weimarer Gärten ihren Weg in die Ausstellung Goethes Gärten. Grüne Welten auf dem Dach der Bundeskunsthalle gefunden haben.

Was faszinierte Goethe so sehr an Gärten, und wann hat dieses Interesse begonnen?

Ich glaube, sein botanisches Interesse lässt sich schon auf seine Kindheit zurückführen. In dem Garten seines Vaters gab es einen Weinberg mit Spargelbeeten, und als Kind hatte er es geliebt, sich dort aufzuhalten. Auch die Früchte zu sehen muss für ihn ein sehr großer Reiz gewesen sein. Goethe beschreibt zum Beispiel sehr schön, wie er als Kind sehr wohl Beerenobst pflücken durfte, die Pfirsiche aber ein Tabu für ihn waren. So verwundert es nicht, dass er später in seinem Leben immerzu Pfirsichbäume pflanzte. (lacht)

Finden sich denn auch Hinweise in der Literatur?

Als Goethe seinen Werther schreibt, war die Nähe zum Garten bereits ein großes Thema im aufgeklärten Bürgertum. Entsprechend spielt dies auch in seinem Briefroman eine Rolle. In Weimar bezieht er dann sein erstes Haus mit Garten, ein absolutes Schlüsselerlebnis. Für mich ist es immer wieder berührend, wenn ich in diesen frühen Tagebuchaufzeichnungen oder Briefauszügen lese, wie sehr ihn das vereinnahmt hat. Er hat im April diesen Garten übernommen, und in seinen Texten kommen der Frühling und die Freude so richtig zum Ausdruck. Die ersten Blumen, die blühen, werden beschrieben. Veilchen werden als Botschaft geschickt. Das verwundert aber auch nicht. Die ersten sechs Jahre in Weimar wohnte Goethe im Gartenhaus, also im Grunde mitten im Grünen.

„In seinen Gärten spiegeln sich Goethes Kindheitserinnerungen wider.“

War das eine bewusste Entscheidung?

Ja, das war es. Dieser Garten lag vor den Toren der Stadt. Goethes Mutter schrieb sogar der Weimarer Herzogin, welche Sorgen sie sich um ihr „Wölfchen“ mache, der da allein vor den Toren lebte. (lacht) Es war schon ungewöhnlich, sich so weit in die Natur zurückzuziehen. Diese Zeit war sicherlich auch entscheidend für seine späteren Forschungsarbeiten in ganz unterschiedlichen naturwissenschaftlichen Bereichen.

Dieser Forschungsdrang machte ihn gewissermaßen selbst noch einmal zum Lehrling…

Ja, und er hatte hohe Ansprüche an sich selbst. In Italien war er sogar auf der Suche nach der Urpflanze – die es natürlich nicht gibt. Aber so kam er dann zu seiner Metamorphosenlehre. In seinem zweiten Haus am Weimarer Frauenplan lässt er sich sogar ein Versuchsbeet bauen, was vollkommen ungewöhnlich war zu dieser Zeit. Das war ja nichts lukratives, man konnte nicht davon ernten. Man konnte lediglich beobachten, was Goethe dann auch über mehrere Jahre tat. Er nutzte das Beet auch zum Disput mit seinen Gästen.

„Dieses Erlebnis, sich eins mit der Natur zu fühlen, das ist etwas ganz Wesentliches.“

Auch im Dachgarten der Bundeskunsthalle kann man einiges beobachten…

Ich freue mich vor allem, dass wir den Garten schon im April eröffnen konnten. So konnten wir auch noch den Frühlingsflor präsentieren. Der ist im Wesentlichen geprägt durch Vergissmeinnicht, Stiefmütterchen, gefüllte Gänseblümchen und Blumenzwiebel in einer unendlichen Fülle. Die Vielfalt der Sommerblumen ist aber noch beeindruckender. Dazu gehören Pfingstrosen, Schafgarben, Rittersporn und Phlox.

Welche Elemente der Weimarer Gärten sind denn in Bonn zu sehen?

Erst einmal ist der Garten am Stern mit fast 10.000 Quadratmetern wesentlich größer als der am Frauenplan mit knapp 2.000 Quadratmetern. Auf dem Dach der Bundeskunsthalle haben wir dennoch eine Mittelachse geschaffen, und so zwei annähernd gleich große Gärten angelegt. Es gibt etliche Motive beider Gärten, die auch hier wieder auftauchen: ein sehr natürlicher, hügliger Garten, ein Bereich im englischen Stil mitsamt Sitznische, eine Streuobstwiese, ein Gemüsegarten und natürlich die Malven-Allee, die auf den Stein des guten Glücks zuläuft.

Was empfehlen Sie unseren Besuchern für ihren Besuch im Garten?

Ich glaube, sich Zeit zu nehmen ist ein wichtiger Aspekt. Man muss sich auf die Pflanzen einlassen. Die Besucher sollten den Blick schweifen lassen und mal aufmerksam in ein Beet schauen, die Blumen wirklich betrachten. Details nicht nur zu sehen, sondern auch zu riechen. Was sind das jetzt eigentlich für Pflanzen und wie duften die? Es ist wichtig, Empfindungen zuzulassen.

Dürfen die Besucher denn auch probieren?

Bei den Kräutern darf immer genascht werden. (lacht)

Angelika Schneider
Angelika Schneider, Gartendenkmalpflegerin, Klassik Stiftung Weimar

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

GOETHES GÄRTEN
Grüne Welten auf dem Dach der Bundeskunsthalle
bis 22. September 2019 in der Bundeskunsthalle

Eingangstor in den Garten
Zitronen
Malvenallee
Der Stein der Weisen
  1. Gartenansicht, April 2019, Foto: Benjamin Doum © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  2. Gartenansicht, Juli 2019, Foto: Sibylle Pietrek © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  3. Gartenansicht, April 2019, Foto: Benjamin Doum © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  4. Gartenansicht, April 2019, Foto: Benjamin Doum © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  5. Gartenansicht, April 2019, Foto: Benjamin Doum © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

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