Tempel des Baalshamin in Palmyra, Syrien © Iconem/DGAM/Ubisoft

Zerstörung und Wiederaufbau

Eine Ausstellung spendet Hoffnung

Hafez Al Moussa war einer von vielen begeisterten Besuchern der Eröffnung unserer Ausstellung Von Mossul nach Palmyra. Er war und ist begeistert von den technischen Möglichkeiten, der virtuellen Auferstehung ganzer Kulturstätten und der eindrucksvollen Präsentation. Die Bilder sind ergreifend – für alle Besucher –, doch Hafez Al Moussa ist syrischer Flüchtling und damit direkt von den Auswirkungen der Zerstörung betroffen. Wir haben ihn am Tag nach der Eröffnung gesprochen.

Warum war es dir wichtig, diese Ausstellung zu sehen?

Ich bin Flüchtling und komme aus Syrien. Seit 3 1/2 Jahren wohne ich in Deutschland. Heute bin ich extra aus München angereist, wo ich inzwischen wohne. Ich habe die Arbeit des Institut du monde arabe immer schon interessiert verfolgt. Sie machen einen tollen Job, indem sie nicht nur Kunst thematisieren sondern Politik und Kultur mit Fokus auf die arabische Welt. Das interessiert mich. Städte wie Palmyra und Aleppo kenne ich sehr gut, doch im Krieg konnte man sie nicht länger besuchen. Diese Ausstellung gibt mir die Möglichkeit, in gewisser Weise wieder dort zu sein. Ich habe so viele Erinnerungen, die hier wieder hochkommen.
Schon als die Ausstellung in Paris zu sehen war, spielte ich mit dem Gedanken dort hinzureisen. Als ich dann erfahren habe, dass sie in der Bundeskunsthalle zu sehen sein würde, war ich überglücklich und auch aufgeregt. Das war nun endlich meine Chance – nicht nur die Ausstellung zu sehen, sondern auch den Machern meinen Dank auszusprechen. Diese Ausstellung ist für uns!

Was genau meinst du damit?

In Deutschland leben zurzeit fast 800.000 Syrer. Wir sind Flüchtlinge. Wegen des Krieges haben wir unsere Heimat verlassen müssen. Ich persönlich habe meine Familie seit sieben Jahren nicht gesehen. Wir können hin und wieder telefonieren, ich bekomme Nachrichten, aber besuchen kann ich sie nicht. Und sie mich auch nicht. Wir alle vermissen die Städte, in denen wir großgeworden sind. Die Orte unserer Kindheit. Und wenn wir Ausstellungen wie diese besuchen können, bei Projekten wie diesen vielleicht sogar mitmachen können, freut uns das. Wir bleiben so in Kontakt mit unserem Land, unserer Geschichte, unseren Wurzeln. Dabei kann auch die Kunst helfen. Und wir sollten diese Ausstellung nicht nur besuchen, wir sollten dankbar sein, dass es sie überhaupt gibt. Ich sage uns, und meine vordergründig Flüchtlinge. Ich meine aber auch uns Menschen, wir alle erleben dies gemeinsam.

„Wir alle erleben dies gemeinsam.“

Wie hast du den Eröffnungsabend erlebt?
Mir war sogar sehr wichtig, direkt zur Eröffnung hier zu sein. So konnte ich Dr. Jack Lang persönlich treffen und ihm merci beaucoup sagen. Ich hatte einen sehr schönen Abend. Zuvor hatte ich lediglich den Bus von München nach Bonn und zurück gebucht, aber keinen Schlafplatz. Ich hatte mir einen Plan gemacht, was ich alles sehen möchte: die Ausstellung, die Altstadt, das Beethoven-Haus, das Haus der Geschichte. Schlafen würde ich im Zweifel auf der Straße. 

Das musstest du aber hoffentlich nicht.

Nein, das musste ich nicht. Dafür scheint Bonn viel zu lieb zu sein. Die Menschen sind sehr nett und offen. Ich bin herzlich von Petra Rosenkranz aufgenommen worden, die mir einen Schlafplatz angeboten hatte. Sie verantwortet den Mitmachraum Simply Blue! hier in der Ausstellung. Ich bin ihr sehr dankbar.

Du sprachst von deiner Freude über diese Ausstellung und davon, dass sie dich der Heimat näher bringt. Du siehst diese Heimat aber auch in Trümmern…

Es tut natürlich auch sehr weh, sich das anzuschauen. Es sind grausame Taten, die diese Orte und damit auch die Menschen erleiden müssen. Es ist uns so viel genommen worden. Auch ein syrischer Archäologe, der in Palmyra forschte, ist getötet worden. Es tut weh, so jemanden zu verlieren. Ein Mensch, der sein ganzes Leben der Forschung, Geschichte und Kultur widmete. Eine Kultur, die uns gehört, als Menschen.

Wie geht es für dich weiter?

Abgesehen davon, dass ich gleich den Bus zurück nach München nehme, habe ich natürlich Pläne für die Zukunft. Ich habe Kunst und Architektur in meiner Heimat Aleppo studiert, konnte wegen des Krieges aber nicht weitermachen. Jetzt möchte ich in München Archäologie studieren und in die Forschung gehen. Vielleicht kann ich ja irgendwann bei einem Institut wie dem Institut du monde arabe mitwirken, das gibt mir Kraft. Indem ich für den Erhalt und gegen das Vergessen arbeite, gewinne ich die Hoheit über meine Vergangenheit zurück. Das motiviert mich, das gibt mir Hoffnung.


VON MOSSUL NACH PALMYRA
Eine virtuelle Reise durch das Weltkulturerbe
bis 3. November 2019 in der Bundeskunsthalle

Hafez Al Moussa in der Ausstellung, Foto © Benjamin Doum
Hafez Al Moussa in der Ausstellung, Foto © Benjamin Doum
Hafez Al Moussa trifft Dr. Jack Lang, Foto © Hubert Ringwald
Hafez Al Moussa trifft Dr. Jack Lang, Foto © Hubert Ringwald
  1. Tempel des Baalshamin in Palmyra, Syrien © Iconem/DGAM/Ubisoft
  2. Hafez Al Moussa in der Ausstellung, Foto © Benjamin Doum
  3. Hafez Al Moussa trifft Dr. Jack Lang, Foto © Hubert Ringwald

2 Kommentare zu "Zerstörung und Wiederaufbau"

  1. Nette Geschichte… Für mich ganz besonders, denn ich habe sie aus nächster Nähe erlebt. Deshalb weiss ich: Den Schlafplatz für Hafez bot nicht Petra Bezdek aus München, sondern Petra Rosenkranz, die im Mitmachraum der Ausstellung das internationale Sozialkunstprojekt Simply Blue! (mit weiteren KollegInnen) vermittelt und dabei auch den Kooperationspartner stART international vertritt.

    1. Das ist natürlich richtig und wir haben sofort entsprechend korrigiert. Vielen Dank für den Hinweis!
      Auch ein Gespräch mit Petra Rosenkranz über Simply Blue! und stART international wird in Kürze hier zu lesen sein.

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