Plan B für die Vorräte im Schrank

Wie plant man eine Ausstellung, deren Eröffnung ungewiss ist?

„Beginn Ausstellungsaufbau“ steht für heute im Kalender. Das hatte ich dort mangels eines neuen Termins noch nicht geändert. Eigentlich wären heute Künstlerinnen und Künstler angereist, sowie Restaurator*innen, Techniker und Transporteure, um gemeinsam mit uns die Ausstellung einzurichten, die wir am 16. April hatten eröffnen wollen: State of the Arts. Die Verschmelzung der Künste – eine Ausstellung mit 13 zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern, die an der Schnittstelle von bildender und darstellender Kunst arbeiten. Ihre performativen Arbeiten, Videos und Multimedia-Installationen verbinden jeweils unterschiedliche Kunstformen und Medien miteinander. Bildende Künstler arbeiten unter anderem mit Musik oder Sprache, und Performance-Künstlerinnen entwickeln Settings für den Ausstellungsraum, die die Besucher aktiv werden lassen. Diese „Verschmelzung der Künste“ ist für uns eines der spannendsten Phänomene der Kunst in dieser Zeit.

Solidarität ist das Gebot der Stunde

Wie alle anderen Häuser haben auch wir schließen müssen und geplante Eröffnungen vorerst abgesagt. Voll und ganz auf Eis legen möchten wir unsere Projekte jedoch nicht. Vielmehr versuchen wir, sie sozusagen im Vorratsschrank aufzubauen, damit wir sie zeigen können, sobald die Bundeskunsthalle die Türen wieder öffnen kann. Gleichzeitig werden bereits aufgebaute oder laufende Ausstellungen digital konserviert, um zumindest einen virtuellen Ausstellungsbesuch zu ermöglichen. Dass wir viel weniger Grund zu klagen haben als viele andere im Kunst- und Kulturbetrieb ist uns sehr bewusst. Nicht nur Künstlerinnen und Künstler, sondern auch viele Freischaffende – aus der Restaurierung, dem Aufbau, der Kunstvermittlung und vielen weiteren Bereichen –, auf die wir uns immer verlassen können, können sich nun nicht mehr auf uns verlassen. Denn auch wir wissen nicht, wann die Arbeit wieder aufgenommen werden kann. Solidarität ist das Gebot der Stunde.

Dries Verhoeven, "Songs for Thomas Piketty", 2020 © Willem Popelier
Begüm Erciyas, "Voicing Pieces", 2016 © Bea Borgers
Christian Falsnaes, "FORCE", Kunstmuseen Krefeld - Kaiser Wilhelm Museum, 2018
Hannah Weinberger, "we didn’t want to leave", 2019, Centre d’Art Contemporain Genève © Matilda Olmi

No Cancel Culture!

Derweil sitzen wir an unseren Heimarbeitsplätzen und versuchen, den Vorratsschrank zu füllen: Tagtäglich neue Abstimmungen über die Einschätzung der Lage. Die Kollegin aus dem Transportwesen ist bestens informiert über die jeweilige Situation in jenen Ländern, aus denen wir Kunstwerke zur Anlieferung erwarten, und steht in ständigem Kontakt mit den Kooperationspartnern. Unsere Restauratorin korrespondiert mit den freiberuflichen Mitarbeitern und eruiert, was alles schon in der Zwischenzeit erledigt werden kann, um für den Tag X, an dem der Aufbau dann doch beginnen kann, bestmöglich vorbereitet zu sein. Unsere Kollegen aus dem Bereich Technik und Aufbau prüfen ständig neue Pläne für alle möglichen Szenarien, die sich aus den Verschiebungen ergeben könnten. Alles, um eine komplette Absage der Ausstellung zu verhindern. No Cancel Culture!

Jeder weiß um die Situation

Der Zusammenhalt ist groß. Das ist auch von außen zu spüren: Galerien und Leihgeber sagen uns die angefragten Werke auch für den ungewissen Zeitpunkt einer späteren Eröffnung zu und bereiten alles für Transporte vor, von denen wir noch nicht sagen können, wann sie stattfinden werden. Die Werke aus New York, aus London und aus Kopenhagen müssen jedoch vorerst dort bleiben, wo sie sind. Die Künstlerinnen und Künstler zeigen sich geduldig und sind verständnisvoll, jeder weiß um die Situation. Und während diesen Umständen geschuldet die geplante Arbeit eines Künstlers nicht mehr gezeigt werden kann, arbeitet er bereits am Konzept für eine Alternative. Der Vorratsschrank der Bundeskunsthalle wird gefüllt und wir freuen uns schon auf den Tag, ihn endlich öffnen zu können!

Kuratorin Johanna Adam im Home Office
  1. Rachel Monosov, "The Blind Leader", Courtesy of the artist and Catinca Tabacaru Gallery
  2. Dries Verhoeven, "Songs for Thomas Piketty", 2020 © Willem Popelier
  3. Begüm Erciyas, "Voicing Pieces", 2016 © Bea Borgers
  4. Christian Falsnaes, "FORCE", Kunstmuseen Krefeld - Kaiser Wilhelm Museum, 2018, Foto: Volker Döhne, Courtesy the artist and PSM, Berlin
  5. Hannah Weinberger, "we didn’t want to leave", 2019, Centre d’Art Contemporain Genève © Matilda Olmi, Courtesy of the artist and Freedman Fitzpatrick, Los Angeles / Paris

2 Kommentare zu "Plan B für die Vorräte im Schrank"

  1. Sehr geehrte Frau Adam, es freut mich für Sie, dass Sie in der Bundeskunsthalle trotz Corona-Krise „… viel weniger Grund zu klagen haben als viele andere im Kunst- und Kulturbetrieb …“. Ich erlebe an gleicher Stelle als freiberufliche Mitarbeiterin gerade das genaue Gegenteil, deshalb wüßte ich ehrlich gern, an wen genau sich Ihr Solidaritäts-Appell („Solidarität ist das Gebot der Stunde“) richtet?

  2. Liebe Frau Mattelé,
    als Kuratorinnen der Ausstellung State of the Arts versuchen meine Kollegin und ich alles, was in unseren Möglichkeiten steht, um die Kunstwerke und Performances innerhalb der neuen Richtlinien wie geplant stattfinden zu lassen. Dies erfordert zum Teil einiges an zusätzlichem Aufwand. Es gibt dennoch Formate, wie etwa Führungen oder Workshops, die wir momentan nicht stattfinden lassen dürfen. Das bedauern wir sehr – nicht nur, weil wir unseren Besucher*innen dadurch weniger Angebote zur Vermittlung machen können, sondern auch weil wir um die prekäre Situation wissen, die dies für unsere freien Mitarbeiter bedeutet. Wir setzen alles daran, das Programm, sobald wir es wieder aufnehmen dürfen, schnellstmöglich gemeinsam mit unseren freischaffenden Kolleginnen und Kollegen zu reaktivieren.
    Viele Grüße,
    J. Adam

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