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Können wir Multitasking?

Eine offene Frage

Stellen Sie sich einmal folgende Situation vor. Sie sitzen mit der Familie am Wohnzimmertisch. Alle sind begeistert in eine Partie Monopoly vertieft. Es klingelt an der Tür. Der Lieferdienst mit dem Mittagessen ist da. Sie bauen das Spiel schnell ab und decken den Tisch, nur um dann festzustellen: Falscher Alarm – es war nur der Briefträger. Sie stellen also das Geschirr wieder zur Seite, holen das Spiel raus, machen ein paar Runden weiter. Dann klingelt es wieder – jetzt ist es endlich der Lieferdienst. Wieder abbauen, Tisch decken, dann zu Mittag essen, nur um anschließend für das Spiel alles wieder umzubauen. Nichts bringt man zu Ende, was für ein Kuddelmuddel!

Ähnlich ist es bei unserem Gehirn. Nehmen wir an, Sie arbeiten konzentriert an Ihrer Steuererklärung, Dann kommt Ihr Kind mit einer Frage zu seinen Matheaufgaben. Sie hören auf, denken kurz über das Matheproblem nach und wollen gleich mit der Steuererklärung weitermachen. Das Problem: Sie haben durch die kurze Unterbrechung viele Details vergessen und brauchen eine Weile, um sich wieder in das Thema zu versenken. Das kostet Zeit und Energie.

Warum fällt es uns so schwer, zwischen verschiedenen Tätigkeiten hin und herzuwechseln?

Warum fällt es uns so schwer, zwischen verschiedenen Tätigkeiten hin und herzuwechseln? Der Grund ist die Begrenzung einer zentralen Fähigkeit unseres Gehirns: Im Kurzzeitgedächtnis müssen wir uns, wenn wir an einer Aufgabe sitzen, alle relevanten Informationen merken. Aber dieses Gedächtnis hat eine begrenzte Aufnahmekapazität. Jeder, der versucht hat, sich eine lange Telefonnummer zu merken, weiß, dass bei 7 oder 8 Ziffern Schluss ist. Mehr kann man sich nicht merken.

Beim Wechsel von einer Aufgabe zur anderen ändern sich alle möglichen relevanten Informationen. Bei der Steuererklärung waren es zum Beispiel Einkommen und Ausgaben. Bei der Matheaufgabe sind es die Zahlen, die im Lehrbuch standen. Und dann müssen wir uns auch noch merken, was wir mit diesen Zahlen machen sollten.

Wenn wir schnell zwischen Aufgaben wechseln, müssen wir uns all diese Details immer wieder neu einprägen. Deshalb sind auch SMS, E-Mail und Co Gift für die Leistungsfähigkeit unseres Gehirns. Denn jedes Mal, wenn eine neue Nachricht piepst, sind wir einen Moment lang abgelenkt, unser Kurzzeitgedächtnis wird umgeräumt. Wenn wir weitermachen, haben wir einiges wieder vergessen. Man arbeitet also besser zusammenhängend an einem Stück, ohne ständige Unterbrechungen, so unscheinbar sie auch sein mögen.

Noch schlimmer wird es, wenn wir versuchen, mehrere Aufgaben gleichzeitig zu erledigen. Das gelingt nur manchmal und nach langer Übung. Beim Autofahren etwa, wenn wir fahren und gleichzeitig gelassen mit unserem Beifahrer plaudern oder dem Radio lauschen. Ein Anfänger könnte das nicht, er ist schon mit dem Fahren überfordert.

Eine Theorie dazu besagt, dass sich durch die langjährige Erfahrung am Steuer die Routinen in spezialisierten Hirnnetzwerken, den sogenannten Basalganglien, „eingeschliffen“ haben. Wir können die Aufgabe dann quasi automatisch erledigen, ohne viel nachzudenken. Aber auch dann ist das Multitasking fehleranfällig. Besser ist es, sich immer nur auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Alle Dinge können wir ohnehin nicht miteinander kombinieren: Die Steuererklärung und die Matheaufgabe werden wir wohl auch mit viel Übung niemals gleichzeitig erledigen können.

Interessant ist da die immer wieder gestellte Frage an Stellenbewerber: „Sind Sie multitaskingfähig?“ Sie könnten im Vorstellungsgespräch dahinter eine Finte vermuten. „Wir Menschen sind alle Nieten, wenn es um Multitasking geht!“, wäre die passende Antwort. Überhaupt sollten Sie vielleicht besser gar nicht zugeben, wenn Sie sich für einen guten Multitasker halten. Denn eine Studie hat vor ein paar Jahren gezeigt, dass gerade Menschen, die glauben, dass sie besonders gut mehrere Dinge gleichzeitig erledigen können, es besonders schlecht machen.

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Autor: John-Dylan Haynes, Photo by Matt Bero on Unsplash
Dieser und weitere Artikel über das Gehirn finden sich in unserem Ausstellungskatalog zur Ausstellung „Das Gehirn. In Kunst & Wissenschaft“.
Die Ausstellung ist noch bis zum 26. Juni in der Bundeskunsthalle zu sehen.

  1. Photo by Matt Bero on Unsplash

Ein Kommentar zu "Können wir Multitasking?"

  1. Ein interessanter Artikel! Genau wie Sie beschreiben, habe ich meine Erfahrungen gemacht. Leider akzeptiert die Geschäftswelt diese Tatsachen oft nicht. Bin nun in Rente, doch habe ich viele Erinnerungen an die Automobilbranche und das oft Unmögliche was von Mitarbeitern verlangt wurde. Junge Kolleginnen und Kollegen mit noch wenig Erfahrung taten sich oft schwer und bekamen regelrecht Angst vor den täglichen Aufgaben. Wenn dann noch Qualitätsprobleme drohten, waren wir erfahrene klar im Vorteil. Schade nur, daß die Erfahrenen zum alten Eisen gezählt und aus den Firmen getrieben werden. Doch das ist ein anderes Thema.

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