Wir Kapitalisten

Eine Ausstellung beleuchtet die „DNA des Kapitalismus“

Der Kapitalismus ist weit mehr als nur ein ökonomisches System. Er ist eine Gesellschaftsordnung, die unser Denken, Fühlen und Dasein seit Jahrhunderten prägt. Aus einer kulturhistorischen Perspektive betrachtet die Ausstellung Wir Kapitalisten. Von Anfang bis Turbo die grundlegenden Eigenschaften des Kapitalismus: Rationalisierung, Individualisierung, Akkumulation, Geld und Investitionen sowie typische kapitalistische Dynamiken wie ungebremstes Wachstum und schöpferische Krisen.
Mit Objekten aus Kunst, Geschichte und Alltagskultur ermöglicht die Ausstellung eine Annäherung an ein komplexes Thema von hoher gesellschaftlicher Relevanz – und großer Lebensnähe für uns alle. Kurator Dr. Wolfger Stumpfe beantwortet im Vorfeld die drängendsten Fragen zur Ausstellung.

Inwieweit ist der Kapitalismus mehr als ein ökonomisches System?

Grundlegende Voraussetzungen für den Kapitalismus wurden schon im Mittelalter gelegt. Unsere Gesellschaft entwickelt sich also seit Jahrhunderten im Zusammenspiel mit kapitalistischen Motiven. Es konnte nicht ausbleiben, dass diese Entwicklung Auswirkungen auf unser gesamtes Dasein, Denken und Fühlen hatte. Insofern ist der Kapitalismus weit mehr als nur auf die Wirtschaft beschränkt. Davon abgesehen ist die Ökonomie natürlich ein absolut zentraler Teil menschlichen Lebens. Der Begriff kommt vom griechischen oikos, „Haus(halt)“, und bezeichnet ursprünglich, wie wir „unser Haus bestellen“, also: wie wir unser Leben organisieren.

„Kapitalistische Prinzipien sind Teil unserer Alltagserfahrungen.“

Was ist gemeint, wenn von der „DNA des Kapitalismus“ die Rede ist?

Wir haben versucht, die Ausstellung anhand der wichtigsten Grundmerkmale des Kapitalismus zu gliedern. Dazu zählen z. B. Vorstellungen und Ideen wie der Rationalismus, Individualismus, die Akkumulation oder der Wachstumszwang des kapitalistischen Systems. Diese Begriffe hören sich sehr abstrakt an, aber wir nutzen die Ausstellung, um sie durch Exponate anschaulich werden zu lassen. Tatsächlich lassen sich diese Grundprinzipien in sehr vielen unserer Alltagserfahrungen erleben.

Womit wird sich die Ausstellung befassen und wie positioniert sie sich?

Was wir uns erhoffen ist, dass die Besucherinnen und Besucher in der Ausstellung gut nachvollziehen können, was den Kapitalismus ausmacht, und wie sehr wir selbst Teil des Systems sind. Mir ist es wichtig, die Wirkungsweisen relativ neutral zu beschreiben. Ich finde es wenig hilfreich, sich dem allgemeinen Lamento über den Kapitalismus anzuschließen, ohne zu sehen, dass das kapitalistische System vielen Menschen – uns hier in Deutschland beispielsweise – sehr viele Verbesserungen gebracht hat, auch über unseren großen materiellen Reichtum hinaus. Dinge wie eine fabelhafte Gesundheitsversorgung, Alterssicherung, etc. Ich spreche hier allerdings nicht von den Extremen eines Turbo- oder gar Raubkapitalismus. Wie immer gibt es zwei Seiten. Wo Vorteile sind, sind auch Nachteile wie Vereinsamung, Umweltzerstörung, usw. Wir geben eine Diskussionsgrundlage und Reflexionsmöglichkeit, mit Hilfe derer sich Besucherinnen und Besucher ihr eigenes Bild und ihre eigene Einschätzung formen können.

„Viele Ausstellungsobjekte weisen eine besondere Alltagsnähe auf, denn wir sind alle Kapitalist*innen.“

Welche Art (Kunst-)Objekte wird man zu sehen bekommen?

Eine ausgesprochen vielseitige, abwechslungsreiche und visuell ansprechende Mischung. Darunter sind einmalige historische Zeugnisse wie die älteste europäische Aufzeichnung einer doppelten Buchführung und das älteste deutsche Grundbuch überhaupt; technische Modelle z.B. einer Wassermühle, einer Postkutschenstation oder der Docks der niederländischen Ostindienkompagnie in Amsterdam; naturwissenschaftliche Exponate wie Minerale und Insekten; und dann natürlich Kunstwerke wie Gemälde, Skulpturen, Filme, Musikvideos, Fotografien, Bücher etc. Einige namhafte zeitgenössische Künstler*innen sind auch mit dabei. Viele der ausgestellten Dinge weisen eine besondere Alltagsnähe auf, denn wie der Titel besagt: Wir sind alle Kapitalist*innen.

Die Besucher*innen der Ausstellung werden ihr eigenes kapitalistisches Ich spielerisch erforschen können. Wie genau funktioniert das?

Alle Besucher*innen können sich kostenlos ein Spielhandy ausleihen und beim Ausstellungsrundgang ein kapitalistisches Game erleben. Zuerst muss man dabei die Spielwährung erwerben, indem man an Posingstationen seine Gefühle verkauft. Das eingenommene Geld kann anschließend in Chats investiert werden. Mit zwölf ausgesuchten Exponaten kann man sich wie in einem Text-Adventure unterhalten. Der Chatverlauf wird getrackt. Die jeweiligen Antworten, die die Besucher*innen geben, haben Einfluss auf die Quittung, die sie am Ende des Rundgangs bei einer Auswertungsstation erhalten. Sie gibt anhand der gegebenen Antworten eine – natürlich augenzwinkernde – Einschätzung zum kapitalistischen Ich der Spielenden. Mit dieser Quittung können die Spieler*innen dann als Gewinn ihr individuelles 3D-Filmerlebnis an einer VR-Station einlösen.

Der britische Schriftsteller und Theoretiker Mark Fisher zitiert Fredric Jameson, wenn er sagt, dass es einfacher sei, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Hat er Recht? Warum ist das so?

Ich glaube, das liegt ganz einfach daran, dass der Kapitalismus so tief in unserer Gesellschaft verwurzelt ist. Fisher spricht hier natürlich auch über den Teil der Menschheit, der zwar nicht ausschließlich Vorteile, aber doch sehr viele Begünstigungen aus dem Kapitalismus zieht. Ich glaube, die Teile unserer Welt, die weniger von dem System profitieren, können sich ein Ende sehr viel besser vorstellen als wir.


WIR KAPITALISTEN
Von Anfang bis Turbo
13. März bis 12. Juli 2020
in der Bundeskunsthalle

inkl. KAPITALISMUS GAME in der Ausstellung:
Zum ersten Mal bieten wir Ihnen ein spannendes digitales Spiel in der Ausstellung: Lassen Sie sich in einen Kaufrausch versetzen! Sie entscheiden, was in Ihrem Warenkorb landet. Kommen Sie dazu mit den Ausstellungsobjekten ins Gespräch und finden Sie heraus: Wie tickt Ihr kapitalistisches Ich? Am Ende winkt ein Gewinn: ein auf Ihr Konsumverhalten zugeschnittenes Virtual Reality-Erlebnis.

Martin Parr, Ohne Titel (The Last Resort), 1983–1986
Daniela Rossell, Ohne Titel (Ricas y famosas, Reich und berühmt), 2002
Andreas Gursky, Greeley, 2002
  1. Mathias Böhler & Christian Orendt, Give us, Dear, 2013, Eine Kooperation des Neuen Museums Nürnberg mit Elke Antonia Schloter und Volker Koch
  2. Martin Parr, Ohne Titel (The Last Resort), 1983–1986, Tate, London
  3. Daniela Rossell, Ohne Titel (Ricas y famosas, Reich und berühmt), 2002, Tate, London, courtesy the artist and Greene Naftali, New York, Daniela Rossell
  4. Andreas Gursky, Greeley, 2002 © Andreas Gursky

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