ROSAS | A Love Supreme © Anne van Aerschot

Tanzt den Coltrane

Vier Tänzer interpretieren das Meisterwerk der Jazz-Legende

Neben der Jazzmusik hat die Improvisationspraxis im choreografischen Oeuvre von Anne Teresa De Keersmaeker und ROSAS immer einen eigenen Raum eingenommen. Salva Sanchis war selbst Zeuge dieser Entwicklung: Mit ROSAS tanzte er 2003 zu Miles Davis’s Bitches Brew und 2005 arbeitete er zudem als Co-Choreograf an Desh, einem Stück, das auf indischer Musik und John Coltranes India basiert. Mehr als zehn Jahre nach der Premiere präsentieren De Keersmaeker und Sanchis nun eine Überarbeitung von Coltranes A Love Supreme mit neuer Besetzung im Rahmen von live arts in der Bundeskunsthalle.

Was reizt euch so sehr am Jazz?

Sanchis: Ich war schon immer ein großer Jazz-Fan. In der Zeit vor und während Bitches Brew wohnte ich zufällig in einer WG mit zwei Jazzstudenten. Ich habe viel von ihnen gelernt. Nehmen wir die Improvisation als Beispiel: Der Tanz verbindet sich mit jeder Art von Musik, da beide Medien eine starke gegenseitige Kompatibilität aufweisen. Das Interessante an Jazz ist jedoch, dass die Improvisation immer im Zentrum des Genres stand. Das hat mich schon immer fasziniert, vor allem weil meine Erfahrungen mit improvisatorischen Übungen im Tanz nach der Kindheit erst einmal vorbei waren. Als Choreograf war es für mich schwierig, die Verwendung von Improvisation zu rechtfertigen, während dies für Jazzmusiker immer die Norm war.

De Keersmaeker: Man könnte sagen, es gibt keine wirkliche Freiheit in der Freiheit – es gibt nur Freiheit in der Struktur. Wie streng kann eine Struktur bleiben, wenn man den Tänzern gleichzeitig erlaubt, sie offen zu verwenden? Am Ende kam es darauf an, sich von Choreografien mit einer externen Struktur hin zu verschiedenen Arten von Strukturen zu entwickeln, die die Tänzer zu sofortigen Entscheidungen zwangen. Die Vorstellung, Musikstücke in ordentliche Partituren umzuwandeln, war immer eine westliche Gewohnheit. In der indischen Musik zum Beispiel gibt es einfach kein Wort für die Praxis der Improvisation. Auch in afrikanischen Traditionen gehört die Vorstellung, dass Musiker spontane Entscheidungen innerhalb einer festen Struktur treffen, zur Definition von Musik.

Sanchis: Und das sollte auch im Tanz die Norm sein. Als Tänzer improvisieren zu können, sollte eigentlich nicht als außergewöhnlich betrachtet werden.

„Für Tänzer sollte die Improvisation Normalität, nicht Ausnahme sein.“

Wie improvisiert man als Tänzer zu Musik, die bereits von Improvisation getragen wird?

Sanchis: Es gibt einen signifikanten Unterschied zwischen der Improvisation mit Musikern auf der Bühne und der Improvisation zu aufgenommener Musik – der Vorteil der letzteren besteht darin, dass man leicht einen klaren choreografischen Plan erstellen kann. Der Tanz spiegelt weitgehend das Geschehen in der Partitur wider: Man arbeitet mit der festen Struktur der Melodie und dem Hauptthema. Wenn die Musiker dann zu improvisieren beginnen, tun dies auch die Tänzer, beziehungsweise ein Tänzer, während die anderen weiterhin miteinander tanzen. Wenn sich zwei Tänzer gleichzeitig entscheiden zu improvisieren, wird es möglicherweise schwieriger. Das gilt jedoch auch für die musikalische Improvisation.

De Keersmaeker: Natürlich war die Entscheidung, jeden Tänzer mit einem bestimmten Instrument zu verbinden, entscheidend. Jeder Tänzer konzentriert sich auf einen bestimmten Musiker. Der Zeitrahmen wird durch die Musik angegeben, während der räumliche Rahmen durch die Choreografie festgelegt wird. Was übrig bleibt, ist ein Subtext, der möglicherweise nicht physisch vorhanden ist, jedoch einen starken Einfluss hat.

 

„Es gibt keine Hierarchie zwischen den verschiedenen Instrumenten – so auch nicht zwischen den Tänzern.“

Improvisation setzt also das genaue Zuhören voraus?

De Keersmaeker: Tanzen heißt immer genau hinzuhören. Eine Herausforderung ist jedoch die Geschwindigkeit. Bei Coltrane gibt es viele Notizen, um es milde auszudrücken. Man muss dafür schon eine gute Übersetzung im Tanz finden, da die emotionale Geschwindigkeit nur bis zu einem gewissen Grad angepasst werden kann.

Sanchis: Der erste und der letzte Abschnitt sind langsamer und stehen im Kontrast zum regelrechten Hurrikan der Energie im mittleren Abschnitt. Man wird keine Übersetzung dieser musikalischen Energie im Tanz hinbekommen, wenn man sich zu schnell verausgabt. Die Tänzer müssen in der Lage sein, die Energie der Musik effizient einem Publikum zu vermitteln. Und sie müssen im wechselseitigen Zusammenspiel bleiben. Wenn ein Tänzer improvisiert, tut er dies nicht, um einen anderen Tänzer, der gerade das festgelegte Material ausführt, einfach in den Hintergrund zu drängen, sondern um eine Dynamik zwischen ihnen zu erzeugen. Der Improvisator zitiert fortlaufend das komponierte Material, genau wie Coltrane, der beim Improvisieren immer zur Musik zurückkehrt und beim Zusammenspiel immer den Bassisten und den Schlagzeuger hört. Es gibt keine Hierarchie zwischen den verschiedenen Instrumenten – so auch nicht zwischen den Tänzern.

De Keersmaeker: Vielleicht hinterlassen wir als Choreografen und Tänzer nicht dieselben Spuren wie Komponisten, aber ich halte es für eine künstlerische Herausforderung, eine choreografische Antwort auf Kompositionen zu geben, die in der Musikgeschichte Maßstäbe gesetzt haben. So können wir vielleicht der Kraft des zeitgenössischen Tanzes Tribut zollen. Ich freue mich darauf, das jetzt mit einer neuen Generation von brillanten, jungen Tänzern zu tun.


live arts präsentiert
ROSAS | A LOVE SUPREME
Samstag, 8. Dezember 2018, 20 Uhr
in der Bundeskunsthalle

(In Ausschnitten aus dem Englischen von Michaël Bellon)

ROSAS | A Love Supreme © Anne van Aerschot
ROSAS | A Love Supreme © Anne van Aerschot
ROSAS | A Love Supreme © Anne van Aerschot
ROSAS | A Love Supreme © Anne van Aerschot
ROSAS | A Love Supreme © Anne van Aerschot
ROSAS | A Love Supreme © Anne van Aerschot
ROSAS | A Love Supreme © Anne van Aerschot
ROSAS | A Love Supreme © Anne van Aerschot