SIMPLY BLUE! in der Bundeskunsthalle

SIMPLY BLUE!

Blaue Kacheln mit Botschaft

Die Ausstellung Von Mossul nach Palmyra (bis 3. November 2019 in der Bundeskunsthalle) ist eine virtuelle Reise durch das Weltkulturerbe. Das Projekt SIMPLY BLUE! ist analog – und doch sind beide eng miteinander verwoben. In der Ausstellung befindet sich ein Mitmachraum, dessen Wände geschmückt sind mit einem Fries aus blauen Kacheln. Dieser wächst zusehends dank der Ausstellungsbesucher und transportiert eine einfache, aber essenzielle Botschaft. Wir sprachen darüber mit Petra Rosenkranz, Vertreterin von stART international und verantwortlich für die Projektdurchführung in der Bundeskunsthalle.

Wie ist die Idee zu SIMPLY BLUE! entstanden?

Viele Menschen betreten unseren Raum in der Ausstellung erst einmal deshalb, weil sie von dieser Schönheit angezogen werden. Das freut mich natürlich, und das Projekt ist in der Tat sehr schön. Es ist eine wunderbare Ästhetik, die den Kacheln innewohnt. Und doch kläre ich die Besucher sehr schnell darüber auf, dass das nicht alles ist. Es steckt viel mehr dahinter. Es ist ein Projekt, das in erster Linie Rita Eckart, eine Münchner Kunsttherapeutin von stART international und Kollegin von mir, 2015 initiiert hat. Sie war auf der Suche nach etwas, das man mit Geflüchteten machen kann, sowohl in den Unterkünften hier in Deutschland wie auch in den Unterkünften im Nahen Osten und in Nordafrika. Es musste etwas Einfaches sein, mit wenigen Materialien, das den Menschen in dieser chaotischen und ungewissen Situation einen kurzen Moment von Selbststabilisierung ermöglicht.

Die Möglichkeit, sich kurz in der einfachen Tätigkeit zu verlieren?

Ja, aber es geht auch darum, dass Menschen in Krisensituationen unentwegt etwas „Nützliches“ tun müssen. Es kann kaum Muße in ihrem Leben aufkommen. Sie müssen immer funktionieren. Etwas „Unnützes“ tun zu dürfen, sich in sein Eigenes nach unseren einfachen Regeln zu versenken, lässt sie ein Stück innere Freiheit erleben. Ermöglichen wir es ihnen das täglich, vorzugsweise um dieselbe Tageszeit zu tun, so werden sie sich anfänglich wieder selbstbestimmt erleben. Zugleich etabliert sich eine erste selbst gewählte Struktur in ihrem Leben. Durch unsere Empfehlung, strukturiert von der Mitte zum Rand hin oder umgekehrt zu arbeiten, haben wir eine weitere Möglichkeit seelischen Ausgleich zu schaffen.

Warum ist dieses strukturierte Vorgehen so entscheidend?

Wenn man sich vom Rand zum Zentrum vorarbeitet, hat das etwas stark Zentrierendes. Der Weg von Innen nach Außen wirkt wiederum lösend. Das sind wichtige kunsttherapeutische Aspekte.

Erkläre doch bitte kurz, wie die Kacheln entstehen?

Ein 15 x 15 cm großes Stück Papier wird mit dem Pinsel blau gefärbt. Das ist bereits ein Moment – das gilt für Geflüchtete, aber auch für die Besucher hier in der Ausstellung –, in dem so ein befriedigendes Gefühl einsetzt, wenn dieses schöne Blau plötzlich erstrahlt. Es ist etwas ganz Schlichtes, aber auch Wunderschönes, fast Sinnliches. Dann muss man sich einen Moment gedulden, bis die Farbe getrocknet ist. Danach kommt der Tintenlöschstift zum Einsatz – so einfach und doch magisch. Auch für viele ältere Menschen ist das wie ein Kindheitsmoment.

SIMPLY BLUE! in der Bundeskunsthalle
SIMPLY BLUE! in der Bundeskunsthalle
SIMPLY BLUE! in der Bundeskunsthalle
SIMPLY BLUE! in der Bundeskunsthalle
SIMPLY BLUE! in der Bundeskunsthalle
SIMPLY BLUE! in der Bundeskunsthalle

„So einfach und doch magisch.“

Gibt es Hemmungen, die erst überwunden werden müssen?

„Ich kann nicht malen, ich kann nicht zeichnen. Was soll ich überhaupt machen?“ Reaktionen wie diese höre ich oft. Aber je weniger man weiß, desto besser. Man fängt einfach an und macht zum Beispiel einen ersten Punkt in die Mitte und gestaltet Schritt für Schritt nach Außen. Das geschieht von ganz allein. Auf Punkte folgen Linien, auf Linien folgen Formen, und es entstehen erste Muster. Aus kunsttherapeutischer Sicht hat es etwas ganz stark Ordnendes. Kinder wie Erwachsene, Männer und Frauen jeden Alters, auch solche mit Handicaps werden in den Bann der Gestaltung gezogen, die ihre eigenen Hände erschaffen, während die Augen staunend zusehen. Und an diesen Prozess, der wie von allein läuft, kann man sich anlehnen. Ich muss mir keine klugen Gedanken machen oder schon wissen, was es werden soll. Ich muss noch nicht einmal talentiert sein.

Die Hand führt, nicht der Kopf?

Ja, und es führt auch dazu, dass man regelrecht versinkt in seinem Schaffen. Ich erlebe manchmal Nachmittage in der Ausstellung, wo vier Menschen am Tisch sitzen und es ist vollkommen still. Ein wesentlicher Aspekt der Ursprungsidee war nicht nur der tägliche Rhythmus, sondern auch das Wissen darum, dass, wenn ich etwas gestalte, dann begegne ich unweigerlich mir selbst. Ich begegne auch dem Teil in mir, der unzerstörbar ist. Ich wage mal von einem unzerstörbaren Wesenskern zu sprechen. Bei vielen Menschen im Nahen Osten oder in Nordafrika und auch bei Geflüchteten hier in Deutschland war nichts mehr greifbar. Es fehlte auch das Gefühl, noch immer wirksam zu sein. Das war weg, das konnten sie kaum noch hervorrufen. Ganz stark setzt SIMPLY BLUE! dort an: Man kann wenigstens auf diesem kleinen Quadrat etwas machen. Hier hat man den Überblick, von Anfang bis Ende kann man gestalten und weiß, man hat es selbst gemacht. Das ist Realität. Und am nächsten Tag macht man das wieder, und dann macht man es vielleicht anders. So gewinnt man seine Selbstwirksamkeit Stück für Stück zurück. Die Menschen merken einfach, dass Sie noch immer etwas machen können, und sei es auch noch so winzig. In den Unterkünften haben die Menschen oft schon darauf gewartet, auf diesen Ankermoment im Tag. Ein anderer wichtiger Aspekt ist es, Schönheit wieder zu begegnen, sogar selbst zu kreieren.

Wie überträgt sich das auf die Besucher der Ausstellung?

In der Ausstellung ist es nochmal eine andere und besondere Situation, doch auch hier hat das Projekt eine wichtige Funktion. Die Besucher kommen aus diesem großen, teils virtuellen Ausstellungsraum und stehen plötzlich vor unserem Projekt, und alles ist analog. Viele erkennen gar nicht auf den ersten Blick, dass es sich um Papier handelt, und stellen erstaunt fest, dass das keine Fliesen an den Wänden sind. Es gibt also auch eine haptische Wahrnehmung. Und dann gibt es einen Arbeitstisch, um den herum alle sitzen. Es hat im weitesten Sinne etwas Heimeliges und Privates, und es spannt einen Bogen zur Ausstellung. Nach der Überwältigung im Ausstellungsraum kommen die Besucher zu uns, und viele sind wahnsinnig berührt – durch das in der Ausstellung Gesehene und Erlebte oder gar durch eigene Kriegserfahrungen.

Sicherlich auch, weil es ein menschliches Gefühl von Empathie für diese Situation gibt.

Es ist manchmal schon eine gewisse Schwere, die aus der Ausstellung zu uns schwappt. Sie ist real und spannend. Deshalb ist es auch ganz wichtig, dass wir nicht nur das Projekt vorstellen, sondern dass die Besucher eigene, ganz konkrete Erfahrungen sammeln können.
Ein älterer Herr ging kürzlich den gesamten Friess entlang, ganz langsam und bedacht. Dann schaute er mich an und stellte fest: „Die sind alle unterschiedlich! Und die sind alle schön!“ Was er damit sagen wollte: Wir sind alle unterschiedlich und wir sind alle schön. Ich bin davon überzeugt, dass ganz viele Ausstellungsbesucher dieses Erlebnis haben. Es ist nicht so, dass eine Kachel ganz besonders herausragt. Dadurch, dass sie zusammenkommen und nebeneinander hängen, dadurch entsteht eine viel größere Schönheit. Das allein ist schon eine starke Aussage, die im Kontext der Ausstellung an zusätzlicher Kraft gewinnt. Das sind ganz berührende Momente. Und natürlich auch Momente, in denen man mal durchatmen kann. Die Ausstellung beeindruckt, aber fordert auch. Vielleicht erlebt man sogar ein Gefühl der Ohnmacht angesichts der Zerstörung, die einen umgibt. Diese Ohnmacht erinnert – wenn auch nur im Ansatz – an die Situation der Geflüchteten. Und dann kann man sich hinsetzen und wenigstens das jetzt machen. Mit den eigenen Händen Selbstwirksamkeit schaffen. Das ist ein wirklich gutes Gefühl.

SIMPLY BLUE! Ausstellung, Februar 2019 in Kairo
SIMPLY BLUE! Ausstellung, Februar 2019 in Kairo
SIMPLY BLUE! Ausstellung, Februar 2019 in Kairo
SIMPLY BLUE! Ausstellung, Februar 2019 in Kairo
SIMPLY BLUE! Ausstellung, Februar 2019 in Kairo
SIMPLY BLUE! Ausstellung, Februar 2019 in Kairo

„Wir sind alle unterschiedlich. Wir sind alle schön.“

Ist es das erste Mal, dass dieses Projekt in einer Ausstellung stattfindet?

Nicht ganz, es gab schon mehrere SIMPLY BLUE! Ausstellungen in Deutschland, auch eine große Schau in Kuala Lumpur in Malaysia, wo viele Geflüchtete aus Syrien und Myanmar leben. Bisher haben Menschen aus 60 Nationen am Projekt teilgenommen. Über 4.000 Werke wurden nach Herkunft dokumentiert, auf großen Tafeln zusammengeführt und in verschiedenen Ausstellungen in Deutschland und Malaysia der Öffentlichkeit als Friedensbotschaften vorgestellt. stART international gab einen Katalog mitsamt Projektgeschichte und den Bildern der ausgestellten Tafeln heraus. Ich selbst habe SIMPLY BLUE! mit meinen Studenten in Kairo durchgeführt. Sie brachten es zu Hunderten ihrer Freunde und Nachbarn und machten eine sehr authentische Installation mit den entstandenen Kacheln. Da ist die Ursprungsidee auf berührende Weise zurückgekehrt in den Nahen Osten.
Es gab also immer wieder Ausstellungsprojekte, aber dieses besondere Setting in der Bundeskunsthalle ist etwas Neues. Ich bin begeistert, wie gut es angenommen wird. Es wundert mich aber auch nicht. Der Ursprung liegt zwar in der Arbeit mit Geflüchteten, ist aber keinesfalls darauf  beschränkt. Wir haben das auch auf Geburtstagsfeiern oder mit einer großen Gruppe während einer Zugfahrt gemacht. Deshalb heißt es auch: SIMPLY BLUE! Sozialkunstprojekt für Menschen mit und ohne Fluchterfahrung. Letztlich ist es doch so: Dieses Problem, dass wir nicht ganz bei uns sind und Halt brauchen, kennen wir sicherlich alle – nur halt in unterschiedlichem Maße.

Erzähle doch bitte, was stART international ist?

stART international ist ein Zusammenschluss von Künstlern, Pädagogen und Therapeuten, die Menschen, und insbesondere Kinder, die von Krieg, Flucht und Naturkatastrophen betroffen sind, auf ihrem Weg, friedensfähige Kulturen zu schaffen, unterstützen. Die Arbeit von stART ist auf drei Bereiche fokussiert: Zum einen auf die Stabilisierung durch eine direkte künstlerisch-pädagogisch- therapeutische Arbeit. Zum anderen auf Schulungen und Fortbildungen für Menschen, die mit betroffenen Kindern arbeiten. Und schließlich auf eine friedliche gesellschaftliche Entwicklung durch international angelegte sozialkünstlerische Projekte.
Die Organisation arbeitet seit über zehn Jahren weltweit in Krisengebieten und überall dort, wo psychische Stabilisierung notwendig ist. Seit der Flutkatastrophe in 2013 und verstärkt seit der Fluchtwelle ab 2015 tut sie dies auch in Deutschland. Allerdings kann diese Arbeit nur getan werden, wenn genügend Menschen sie durch ihre Spenden unterstützen.

Wie steht es um die Nachhaltigkeit von SIMPLY BLUE!? In welcher Form wird das Projekt fortgeführt?

SIMPLY BLUE! wollte Menschen weltweit stabilisieren und verbinden, ihnen durch das Bewusstmachen ihrer Gestaltungskraft die Gewissheit geben, dass man das Blatt auch wenden kann. Man kann auch als Opfer Schöpfer werden. Solange das Projekt diese Botschaft transportiert, hat es seine Berechtigung. Sollte es jedoch zur Dekoration ohne Inhalt verkommen, dann sollte es besser beendet werden. stART international hat daher die Autorenrechte auf SIMPLY BLUE!. Jede öffentliche Nutzung muss beim Verein schriftlich beantragt werden. Wir möchten dadurch einfach sichergehen, dass Hintergrund und Wirkung weiterhin korrekt transportiert werden. Rita Eckart hat zwanzig Jahre Erfahrung mit internationalen Sozialkunstprojekten. Sie ist der Meinung, man sollte nicht zu sehr an Gewordenem festhalten. Dieselbe Idee und dieselben Ideale können durch viele andere sozialkünstlerische Projektideen Ausdruck finden. Da darf man ruhig auch auf Neues gespannt sein.


 

Petra Rosenkranz
Petra Rosenkranz, Foto: Benjamin Doum © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

PETRA ROSENKRANZ
Petra Rosenkranz ist Vertreterin von stART international und verantwortet die Projektdurchführung und die Gestaltung des SIMPLY BLUE!-Raumes in der Ausstellung Von Mossul nach Palmyra. Sie hat Malerei und Kulturpädagogik studiert und eine Weiterbildung in Kunsttherapie gemacht. Seit 2015 bietet sie die Weiterbildung art and education in therapeutic context in Kairo für Psycholog*innen, Ärzt*innen, Kindergärtner*innen und Lehrer*innen an. Ausserdem arbeitet sie freikünstlerisch in verschiedenen sozialen Zusammenhängen und begleitet künstlerisch Veränderungsprozesse.

  1. SIMPLY BLUE! in der Bundeskunsthalle, Foto: Benjamin Doum © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  2. SIMPLY BLUE! in der Bundeskunsthalle, Foto: Benjamin Doum © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  3. SIMPLY BLUE! in der Bundeskunsthalle, Foto: Benjamin Doum © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  4. SIMPLY BLUE! in der Bundeskunsthalle, Foto: Benjamin Doum © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
  5. SIMPLY BLUE! Ausstellung, Februar 2019 in Kairo / Verantwortlich: Petra Rosenkranz, Foto: Petra Rosenkranz
  6. SIMPLY BLUE! Ausstellung, Februar 2019 in Kairo / Verantwortlich: Petra Rosenkranz, Foto: Petra Rosenkranz
  7. SIMPLY BLUE! Ausstellung, Februar 2019 in Kairo / Verantwortlich: Petra Rosenkranz, Foto: Petra Rosenkranz

Ein Kommentar zu "SIMPLY BLUE!"

  1. Gestern war ich in der Ausstellung und das Projekt und den Raum zu „Simply Blue“ fand ich so inspirierend, dass mir ein Muster in den Sinn kam, das ich gern malen wollte. Ich male oder zeichne gern, aber nicht gut. So war es auch hier. Aber darum geht es ja nicht. Es hat Spaß gemacht, ein Stück Papier total dunkelblau einzufärben und dann mit einem Tintenkiller, absolutes NoGo zu meiner Schulzeit, etwas darauf zu zeichnen.

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